{"id":4927,"date":"2015-06-02T07:24:55","date_gmt":"2015-06-02T05:24:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=4927"},"modified":"2019-12-01T19:43:01","modified_gmt":"2019-12-01T17:43:01","slug":"prothesen-und-maschinenmenschen-die-zeit-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=4927","title":{"rendered":"Prothesen und Maschinenmenschen [DIE ZEIT \/ Kritik]"},"content":{"rendered":"<p>Nun schreiben Herausgeber wie <a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?cat=140\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fast Company<\/a> bereits l\u00e4ngst \u00fcber solchen Unsinn, die Masche ist uralt &#8211; und im Jahre 2015 schreibt es <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">DIE ZEIT<\/a> auch: &#8220;Jahrhundertelang waren Prothesen primitive Hilfsmittel. Heute sind sie manchmal besser als die Natur. Beginnt das Zeitalter der Maschinenmenschen?&#8221;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/ohkatharine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Katharina Heckendorf<\/a> beginnt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/campus\/2015\/03\/prothese-technik-medizin-innovation\/komplettansicht?commentstart=9#comments\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ihren Artikel<\/a> mit einer wirklich scharfen Beobachtung. &#8220;Pang! Patsch! Pang! Patsch! So klingt es, wenn Heinrich Popow rennt. Wenn sein rechter Fu\u00df auf den Turnhallenboden der Fritz-Jabobi-Halle in Leverkusen trifft \u2013 Patsch! \u2013, schwingt an seinem linken Bein ein k\u00fcnstlicher Unterschenkel am hydraulischen Kniegelenk nach vorn und landet dann: Pang! Popows linkes Bein ist \u00fcber dem Knie amputiert&#8221; schreibt sie.<\/p>\n<p>Pang, also. Und patsch.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gewagt wird es, wenn sie anf\u00fcgt, &#8220;Wer sehen will, welchen Sprung der Prothesenbau in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat, muss nach Duderstadt bei G\u00f6ttingen fahren. Hier wurden die Prothesen gebaut, mit denen Popow rennt: bei der Firma Otto Bock&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?cat=17\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Doch, von denen habe ich schon geh\u00f6rt.<\/a> Denen ihr Zeug am Arm, und man geht vor Wut und bitterer Entt\u00e4uschung die W\u00e4nde hoch, dann mit diesem Kundendienst, und man wird dann richtig sauer. Doch, diese Firma, echte Wellness f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p>Und ganz wild wird es dann, wenn da steht &#8220;Die Debatte, die gerade im Sport ausgetragen wird, k\u00f6nnte bald die ganze Gesellschaft betreffen&#8221;. Ach was! Die ganze Gesellschaft? Wer *ist* denn &#8220;die ganze Gesellschaft&#8221;? Die Autorin l\u00f6st das R\u00e4tsel gleich auf, und textet &#8220;Da ist zum Beispiel Hugh Herr&#8221;, und, &#8220;Wenn man den Thesen von Hugh Herr und Aimee Mullins zuh\u00f6rt, k\u00f6nnte man glauben, dass es bald keine behinderten und nichtbehinderten Menschen mehr gibt&#8221;. <a href=\"https:\/\/www.media.mit.edu\/people\/hherr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hugh Herr<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.aimeemullins.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Aimee Mullins<\/a> f\u00fcr &#8220;die ganze Gesellschaft&#8221; zu halten oder auch nur so zu tun, das ist allergr\u00f6sster Unfug. Zumal diese beiden &#8220;Herr&#8221;schaften in unseren Medien gar nicht pr\u00e4sent sind; sie stehen f\u00fcr die am Rande des Kreischanfalls hysterisierende, \u00fcbertreibende Medienpr\u00e4senz in den USA, medialer Zuckersirup also.<\/p>\n<p>Grammatikalisch richtig steht da zwar, &#8220;von der Optimierung des menschlichen K\u00f6rpers sind die (Prothesen) noch weit entfernt&#8221;. Aber &#8220;Optimierung&#8221; geh\u00f6rt da \u00fcberhaupt nicht gesagt, es ist ein Unwort, mit tiefer soziokultureller Bedeutung: <a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=2152\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">denn man vermutete schon anderswo, dass bei Amputierten das &#8220;Human Enhancement&#8221; gleich um die Ecke lauert<\/a>. Und was heisst, &#8220;&#8221;noch&#8221; weit entfernt&#8221;? Seit 1905 wird von der morgen um die Ecke lauernden Weltverbesserung f\u00fcr Amputierte geredet. Seit den Sechzigern bestehen bei myoelektrischen Prothesen dieselben Probleme. Was soll jetzt das nerv\u00f6se Tun, als ob der Weltuntergang bevorst\u00fcnde? Wo nichts ist, ist nichts!<\/p>\n<p>Und so ist ganz besonders bemerkenswert, dass es aktuelle Weltverbesserer auf sich nehmen, hier regulativ vorwarnend wirksam zu werden und <a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=2152\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auch chirurgische Operationen zur Wiederherstellung einer wenigstens minimalen Greiffunktion verbieten zu lassen &#8211; dies dann mit den entsprechend sehr negativen Folgen f\u00fcr Betroffene, Kosten und Allgemeinheit<\/a>. Was offenbar von der Oeffentlichkeit so gew\u00fcnscht ist. Dass der Begriff &#8220;Optimierung&#8221; in dieser Art Schwarzmalerei verwendet wird, hat die eigenartigsten Folgen. Deswegen muss man sich dagegen wehren. Die Versicherungen bezahlen auch deswegen etwa Sportprothesen nicht, weil dauernd von &#8220;Human Enhancement&#8221; und &#8220;Optimierung&#8221; geredet wird. <span style=\"text-decoration: underline;\">Es w\u00e4re damit aber nicht &#8220;besser&#8221; &#8211; nur &#8220;etwas weniger f\u00fcrchterlich&#8221;.<\/span> W\u00e4re es im \u00f6ffentlichen Bewusstsein klar, dass Amputationen f\u00fcrchterlich genug sind, auch wenn man mit einer Sportprothese auf durchaus tieferen Level etwas Sport treiben kann, w\u00e4re das was v\u00f6llig anderes. Aber, pang, patsch, aus die Maus &#8211; der Diskurs ist der, dass <a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=4239\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">man die allergr\u00f6sste Angst vor dem (wie man sich gr\u00f6sste M\u00fche gibt, \u00fcberall zu sagen) &#8220;optimierten Amputierten&#8221; hat und sich daher das Kleinreden der &#8220;Verbesserungen&#8221; wenn nicht sogar des Maschinenmenschen sehr, sehr viel Geld kosten l\u00e4sst<\/a>.<\/p>\n<p>Es muss eine absolute, alles \u00fcberragende, extreme Angst sein, die da herrscht. Der Verst\u00fcmmelte hat offenbar (immer noch) eine symbolische Rolle, die er gef\u00e4lligst beizubehalten hat &#8211; denn kaum schaut man weg, riskiert die Gesellschaft ja, dass dieser sich &#8220;zum Maschinenmenschen&#8221; &#8220;optimiert&#8221; (zum grossen Gl\u00fcck nicht durch Versicherungen, die ihm Sportprothesen bezahlen w\u00fcrden).<\/p>\n<p>Das aber ist derart grobst\u00fcckig dumm, dass es Funken schleift; dieser Grad an Beh\u00e4mmertheit ist so roh, dass man vor Spiegelglanz blind wird. Es gibt daf\u00fcr somit wirklich nur irrationale Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p>Dagegen redet bei Rollstuhlfahrern, bei MS-Kranken, bei Tr\u00e4gern von H\u00f6rger\u00e4ten oder Personen mit Kr\u00fccken kein Mensch von &#8220;Optimierung&#8221;. Dabei ist ein Rollstuhlfahrer schneller als ein Spazierg\u00e4nger. Die projektive Symbolik der Person mit Amputation ist uns also auf den Leib geschrieben, <span style=\"text-decoration: underline;\">die Gesellschaft f\u00fcllt teure Zeitungsseiten mit Mahnschriften, die diesen Status Quo erhalten wollen<\/span>. Wir scheuchen die Nichtbehinderten nun offenbar durch unser reines Dasein auf, wir treiben sie sogar zum \u00e4ussersten &#8211; tief in die Irrationalit\u00e4t &#8211; und wir sorgen daf\u00fcr, dass man uns (sofern maschinell best\u00fcckt) als &#8220;optimiert&#8221; bezeichnet.<\/p>\n<p>Dass Prothesen, die gerade etwa im Hand\/Armbereich seit Jahrzehnten nichts erstaunliches leisten, immer h\u00f6her gelobt werden, ist dementsprechend aber alles andere als neu, sowenig dieser Aspekt zum Herbeiposaunen des Maschinenmenschen geeignet ist. <a href=\"http:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=2979\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wenn ich meine &#8220;bionische&#8221; Prothese, die aus mir einen &#8220;g\u00e4nzeren&#8221; Menschen zu machen versprechen soll, mehr als 6 Stunden am St\u00fcck trage, ist mein Stumpf mit Scheuerstellen und Druckblasen so verletzt, dass ich 2-3 Tage Ruhe brauche um mich davon zu erholen.<\/a> Diese Prothese behindert mich faktisch, indem ich mit dem iLimb weniger als ohne machen kann. Arg viel weiter ist man also nicht, was die Suche nach Maschinenmenschen angeht, alternativ k\u00f6nnten Sie sich eine Drohne auf den Kopf setzen und mal schauen ob es surrt.<\/p>\n<p>Das Zeitalter der Maschinenmenschen ist aber dennoch da, nur lenkt die Autorin, Katharina Heckendorf, davon ab. Es ist gepr\u00e4gt durch Leute wie sie, die anderen Leuten ihre Texte und Ideen abschreiben und nicht denken (typisch Maschine, eben). Denn Texte wie derjenige der ZEIT werden dauernd herumgeschwenkt, ohne dass sie eine wirkliche Grundlage haben. Kein Nachdenken, keine Reflektion, keine Redaktionssitzung h\u00e4lt dies offenbar auf. Das ist es, was den Maschinenmenschen heute ausmacht. Es l\u00e4uft auf eine Inhaltsbehinderung hinaus, die Frau Heckendorf und ihre Redaktionskollegen haben.<\/p>\n<p>Pang, patsch? Und wenn Maschinenmenschen &#8220;schreiben&#8221;, dann t\u00f6nt es Klick Klack.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=swisswuff\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Tweet<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun schreiben Herausgeber wie Fast Company bereits l\u00e4ngst \u00fcber solchen Unsinn, die Masche ist uralt &#8211; und im Jahre 2015 schreibt es DIE ZEIT auch: &#8220;Jahrhundertelang waren Prothesen primitive Hilfsmittel. Heute sind sie manchmal besser als die Natur. Beginnt das Zeitalter der Maschinenmenschen?&#8221; Katharina Heckendorf beginnt ihren Artikel mit einer wirklich scharfen Beobachtung. &#8220;Pang! Patsch!&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4514,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[72,28,101],"tags":[],"class_list":["post-4927","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-language","category-disability-public","category-media-publishing-hyped-up-distortions","wpcat-72-id","wpcat-28-id","wpcat-101-id"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-29 12:07:18","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4927"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4927\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10594,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4927\/revisions\/10594"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}