{"id":9492,"date":"2019-04-09T13:14:31","date_gmt":"2019-04-09T11:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9492"},"modified":"2023-08-14T16:48:06","modified_gmt":"2023-08-14T14:48:06","slug":"zweimaltot-beat-glogger-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9492","title":{"rendered":"Zweimaltot &#8211; Beat Glogger (Buchbesprechung)"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mir nun termingerecht das Buch &#8220;Zweimaltot&#8221; von Beat Glogger vorgenommen. Meine Buchbesprechung, Review oder Rezension hier verr\u00e4t allerdings Einzelheiten \u00fcber den Ausgang (Spoiler Alert).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot.png\" rel=\"lightbox\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-9495 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot.png\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot.png 873w, https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot-245x300.png 245w, https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot-768x940.png 768w, https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/zweimaltot-836x1024.png 836w\" sizes=\"auto, (max-width: 244px) 100vw, 244px\" \/><\/a><br \/>\n(C) Copyright Reinhardt Verlag<\/p>\n<p>Das Buch gibt es hier:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B07PDLQ6J6\/ref=as_li_qf_asin_il_tl?ie=UTF8&amp;tag=ux78u76dz-21&amp;creative=6742&amp;linkCode=as2&amp;creativeASIN=B07PDLQ6J6&amp;linkId=7cc3d9a6415255f4106aa7ce3423990f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Amazon.DE<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.reinhardt.ch\/belletristik\/876-zweimaltot.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Reinhardt.CH<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Frank, ein Neurowissenschafter, der mit seiner Assistentin Tina Neuroprothesen baut, wird von deren autistischem Bruder Christoph angegriffen und so stark verletzt, dass er zun\u00e4chst mit Locked-in Syndrom im Spital landet, dort dann mithilfe von Neuroprothesen kommunizieren lernt, bevor sein Gehirn ganz seinem K\u00f6rper entnommen wird und nur noch durch neuroprothetische Verfahren mit der Umwelt kommuniziert, worauf sich Dinge zutragen, aufgrund deren Christoph wiederum zur Tat schreitet und diesesmal das Setup mit Franks Hirn samt Anschl\u00fcssen so zerschl\u00e4gt, dass das, was von Frank noch \u00fcbrig war, gar nicht mehr zu retten ist. Tina und Christoph fliehen ins Exil. Das Buch beleuchtet also, wie ein Mensch (hier: Frank, ein Neurowissenschaftler, der selbst an Neuroprothesen arbeitete, gemeinsam mit seiner Assistentin Tina), nach einem ersten Angriff und schweren Verletzungen mit Locked-In Syndrom unfaehig, selbst zu reden, seine Kommunikationsprothese dazu verwenden kann, die Situation, in die er sich auch auf eine Art selbst etwas gebracht hatte, aus der er das erste Mal angegriffen und schwer verletzt wurde (Angriff durch Christoph, Tinas Bruder, einen Autisten), ein zweites Mal aufleben zu lassen (indem er dann als auf ein Gehirn reduziertes Laborwesen mithilfe der Neuroprothesen wieder \u00c4usserungen macht, was zu Konsequenzen f\u00fchrt, die den Anwesenden inakzeptabel zu sein scheinen, sodass erneut Christoph in Aktion tritt), um dieses Mal t\u00f6dlich umgestossen zu werden. Damit der Titel des Buchs, Zweimal tot, der sich fraglos auf die Vita des Frank beziehen k\u00f6nnte &#8211; aber in uebertragenem Sinne, sozusagen losgeloest von einer allzu physikalisch anfassbaren Ebene, durchaus wenigstens auch auf das Leben des Christoph (der Autist, der Frank zweimal angreift, das erste Mal mit der Konsequenz schwerster Verletzungen und Locked-In-Syndrom, das zweite Mal, indem er die Aufbauten von Franks Hirn in Naehrloesung und angeflanschten Neuroprothesen umstoesst), oder der Tina, der dadurch stark mitbetroffenen Schwester Christophs und Mitarbeiterin des allenfalls etwas arroganten Neuroforschers Frank.<\/p>\n<p>Eine eher trockene analytische Sicht auf die Geschichte zeigt, dass der autistische T\u00e4ter Christoph (256x im Text genannt, ich hatte mir bei Amazon das eBook gekauft, da kann man sowas einfach nachz\u00e4hlen) gegen\u00fcber der Hauptfigur des innovativen, arroganten und kontroversen Neurowissenschaftlers Frank (794x im Text genannt) in Hinsicht auf die Zahl der Namensnennungen massiv zur\u00fcckbleibt, aber im Vergleich zur eigentlichen Erz\u00e4hlerin Tina (116x genannt) im Vordergrund steht. Das oft mit Ablehnung belegte Wort Autismus (Suchbegriff \u00abautis*\u00bb: nur 3 Nennungen im Text) ist entsprechend dieser sozialen Abwertung im Text dagegen v\u00f6llig untervertreten, was interessant ist, da es die \u00fcbergeordnete Hauptthematik darstellt. Der Autor koennte das Schlagwort, das Schluesselwort, das Stichwort, das hier in jedem Sinne vorkommende Hauptwort &#8220;Autismus&#8221; etwas skotomisieren &#8211; eine Vermutung, die sich bereits erbsenzaehlerisch begruenden liesse. Mithin k\u00f6nnte man vermuten, dass eine intensivere Pr\u00e4senz der Tina gefordert gewesen w\u00e4re, und dass bei gesch\u00e4tzt 700 (statt 116, wie hier) Namensnennungen von Tina deren Verflechtung mit Christoph und dessen etwas impulsiven Attacken zu einem weniger dramatischen Outcome gef\u00fchrt h\u00e4tte. Auch das Zur\u00fccknehmen der Projektionsfigur Frank &#8211; immerhin nimmt er in dieser Geschichte eine teilweise ungeb\u00fchrliche zentrale Stellung ein &#8211; h\u00e4tte einem gl\u00fccklicheren Ausgang der Geschichte wohl nicht geschadet &#8211; aber, der Erz\u00e4hler der Geschichte erz\u00e4hlte diese Geschichte auch bewusst, gewollt, auf diese (und nicht auf eine andere) Art. Damit ist in der Geschichte bez\u00fcglich ihres Schwerpunkts, des Fokus, ein gewisses Ungleichgewicht \u2013 es handelt sich am ehesten um ein Anprangern, wobei aus der Geschichte letztlich unklar bleibt, von was genau. Unjd deswegen ist diese Geschichte zu lesen, zu interpretieren, in einen Kontext zu setzen.<\/p>\n<p>Ein T\u00f6tungsdelikt oder eine schwere K\u00f6rperverletzung bleibt eine schlimme Sache, ganz unbeachtet der Frage der individuellen Einsicht oder Schuldf\u00e4higkeit. Eine Gesellschaft muss sich solchen Fragen annehmen, ob sie will oder nicht &#8211; und ob der Geschichtenerz\u00e4hler will oder nicht. Hier zeigt die erz\u00e4hlte Geschichte einen m\u00f6glicherweise nicht sicher korrekten Umgang besonders seiner Schwester Tina mit der schwer von aussen steuerbaren Impulsivit\u00e4t und gef\u00fchlten aber nicht im Gesamtrahmen gest\u00fctzten Richtigkeit der Empfindungen und Handlungen des Autisten Christoph: er hat aus einer gesellschaftlich ordnenden und sch\u00fctzenden Sicht weder in dem delikaten Laborbereich der Forschungseinrichtung, noch am Krankenbett des dann schwerverletzten und sp\u00e4ter als Gehirnkonserve neuroprothetisch versorgten Frank, etwas zu suchen, solange er impulsiv Leute angreift und solange er impulsiv Dinge umwirft. Man h\u00e4tte ihn vor der Last der Taten, die er dann beging, und das Opfer vor den Folgen dieser Taten, relativ einfach sch\u00fctzen k\u00f6nnen &#8211; auch wenn das hier wenigstens zun\u00e4chst gar nicht die Absicht war: dem Geschichtenerz\u00e4hler war ja gerade an diesen Komplikationen gelegen. Nicht alle Sinneseindr\u00fccke aus den Bereichen Labor, Arbeitsplatz generell, Spital oder Krankenbett sind f\u00fcr den durchschnittlichen Zeitgenossen problemlos zu ertragen. \u00dcberhaupt ist die Abgrenzung, das Ausgrenzen und Ausschliessen, ein bis heute wirksamer Schutz vor allerlei Unbill, der weiterhin Wichtigkeit haben wird, aber zu dessen Nutzen erst gegen Ende dieser Erz\u00e4hlung und dann notgedrungen gefunden wird, gefangen im Exil sozusagen kommen Tina und Christoph erst (zu) sp\u00e4t zur Ruhe. So ein Schutz kann aber auch viel fr\u00fcher, vor b\u00f6sen Taten, also f\u00fcrsorglich, vorausschauend, vorhersehend, vermutend, bef\u00fcrchtend oder sogar bereits wissend stattfinden, oder auch in R\u00fcckblick auf Erfahrungswerte implementiert werden. So sch\u00fctzen sich Amputierte vor bef\u00fcrchteten oder bereits erlebten und erfahrenen \u00dcbergriffen durch manche \u00fcbergriffige Prothesentechniker oder manche respektlose Forscher, indem sie sich gar nicht mehr dort herzeigen, ohne dass ich jetzt, wenn ich einmal mehr entscheide, mal wieder irgendwo nicht mitzumachen, dies selbst als besonderen Mangel sehe. <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8812\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sobald die in uns Versuchskaninchen suchenden Forschenden oder Entwickelnden zu einer Art neuen unverhofften Respekts gegenueber Armamputierten gefunden haben<\/a>, dann werden sie wohl Wege finden, uns auch ihren j\u00e4hen Sinneswandel irgendwie mitzuteilen, sie sind schliesslich auch nicht behindert. Durch Ausgrenzung sogenannter Nichtbehinderter generell und uebergriffig daherkommender Individuen im Besonderen aber vermeidet man als Person mit Handicap eskalierende Probleme recht effektiv, vor allem, wenn man einmal das Risikoprofil des Gegenuebers etwas kennt. Denn der Dialog, das Gespr\u00e4ch, l\u00f6st nicht alle Probleme. Auch sch\u00fctzen sich Forscher, etwa in der Armprothetik, vor der unertr\u00e4glichen N\u00e4he oder Begehrlichkeiten von Amputierten, oder auch wenn wir mal geschwitzt haben [was bei staendigem Tragen der Prothesen fast stets etwas mehr ist als sonst (wickeln Sie sich doch mal ihren Arm mit Gummi ein, 200 Tage im Jahr zu 13 Stunden, und schreiben Sie mir ein Mail wenn sie damit durch sind, wie das so war, f\u00fcr Sie, Haut, schwitzen, etc. ?)], indem sie statt echten Behinderten Simulatoren und Virtuelle Realit\u00e4ten verwenden, um ihre Forschungsergebnisse und die daraus resultierenden Behauptungen zu belegen. Das praeventive Sich Voellig Aus Dem Weg gehen ist inzwischen sogar Programm geworden, mehr dazu unten. Von solcher vorsorglicher, behutsamer Praevention in diesem Buch aber keine Rede &#8211; erfreulicherweise, m\u00f6chte man sagen, da die Geschichte sich sonst nicht so zugetragen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, die mit der Entwicklung von Prothesen inklusive Neuroprothesen die Normalisierung Behinderter anstrebt, stellt diese Behinderten damit auch gleichzeitig als weniger menschlich dar (siehe Eintr\u00e4ge zum Thema <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?cat=195\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">#voightkampff<\/a>). Dies schl\u00e4gt sich sogar typischerweise auf die Haltungen der Forscher (hier: Frank) nieder: die Forscher haben fast zwingend eine absch\u00e4tzige Haltung aufzuweisen, um das allzu anthropomorph perfekte Menschenbild wieder und wieder, unter den verschiedensten Aspekten, den von mangelhafter Anthropomorphie betroffenen Behinderten \u00fcberzust\u00fclpen. Die geradezu besessene \u00abForschung\u00bb<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9244\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> im Bereich der myoelektrischen Armprothesen hat in den letzten 40 Jahren nachweislich den Grad der Myoelektrik-Signal-Erkennung nicht verbessert (der Trend ist sogar eher r\u00fcckl\u00e4ufig und bleibt in einem f\u00fcr Alltagsanwendungen untauglichen Verl\u00e4sslichkeitsgrad)<\/a>, so dass es aus der Sache heraus gar nicht die effektiv manipulatorische greiftechnische Funktion sein kann, welche hier den Gegenstand der forscherischen Auseinandersetzung darstellen kann. Vielmehr ist es das Aufdr\u00fccken einer besonders menschen\u00e4hnlichen Erscheinung (bei Armprothesen: lieber zwei hand\u00e4hnliche Ger\u00e4te als besonders verl\u00e4ssliche Funktion), welche den Impetus darzustellen scheint. Gepaart mit einer nur ungen\u00fcgend versteckten Ablehnung der Art, des Wesens und des Aussehens Behinderter gelingt es den Forschern damit mitunter kaum, effektive Wege zu besserer Rehabilitation zu finden. Ich w\u00fcrde sogar sagen, dass man ohne das absch\u00e4tzige Betrachten von Leuten mit nur einer Hand es gar nicht \u00fcbers Herz bringen kann, ihnen dann jahrelang funktionsarme handf\u00f6rmige Ankerteile zu bauen, in der v\u00f6lligen \u00dcberzeugung, das sei irgendwie n\u00f6tig oder sogar gut. Durch das Ansammeln von Labor- und Anwendungstechniken mutiert dann so ein Forscher rasch zum &#8220;Spezialisten&#8221;, der &#8211; was das Zusammenstecken von Elektrodenkabeln angeht, beispielsweise &#8211; mitunter ein ansehnliches Repertoire an F\u00e4higkeiten ansammelt. Aus dieser F\u00e4higkeit bezieht er den Anspruch auf Respekt. Das Buch leuchtet dieses Spannungsfeld der Haltungen auf sehr interessante Weise aus.<\/p>\n<p>Die Finanzierung und die wirtschaftlichen Aspekte sind gerade bei Prothesen, und besonders bei den besonders tiefe Verkaufszahlen aufweisenden Armprothesen, ein geradezu wesentlicher Faktor. Gerade wenn wirtschaftliche Aspekte schwer oder gar nicht realisierbar sind, bleibt nur das F\u00f6rdern des Egos, so dass die Szene der Forschung und Entwicklung von Hilfsmitteln schon lange in diesem Spannungsfeld stattfindet. Dass es letztlich das Ego eines solchen Forschers ist, dass als einziges von ihm \u00fcbrig bleibt, wird in diesem Buch plakativ inszeniert. Dabei ist in der Szene der Ingenieure selbst nicht jeder der Auffassung, dass &#8220;homo faber&#8221; so zu verstehen sei, dass insbesondere das Ego des Forschers oder Entwicklers vorrangig Geltung zu haben h\u00e4tte, und Behinderte das dann auszubaden haben, etwa, indem sie zur Legitimation herhalten: ein namhafter Robotikforscher sagte mir einmal, dass Maschinenbauer und Ingenieure nur dann eine Handprothese als Symbol f\u00fcr ihr Tun verwenden, wenn sie keine besseren Ideen f\u00fcr Industrieforschung haben. Die Handprothese gelte bei Insidern der Robotik auch als Zeichen des Versagens: es g\u00e4be dort letztlich technisch und finanziell nichts zu holen, oder, dann nur marginale Gewinne. Das hat mit den teilweise unl\u00f6sbaren technischen Grenzen zu tun, die dort existieren, damals gut veranschaulicht am <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=6670\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Cybathlon 2016<\/a>: Bei myoelektrischen Armprothesen ist die Hand zu schwer, wenn die Greifkraft gut ist, ansonsten ist sie zu schwach. Die dementsprechend zu schwach motorisierten H\u00e4nde erfordern extrem d\u00fcnne Schutzhandschuhe, die dann sehr rasch zerreissen, da dickere Schutzhandschuhe von den schwachen Motoren kaum oder gar nicht bewegt werden k\u00f6nnen. Die Steuerung durch Myoelektrik selbst ist h\u00f6chst fehleranf\u00e4llig. Sie steigt bei Schweiss ganz aus, aber die einzigen T\u00e4tigkeiten, wo man mit Armamputation den <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=3789\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Asymmetrieausgleich<\/a> zur Schonung des anderen Arms, des Nackens und R\u00fcckens wirklich braucht, sind typischerweise schweisstreibende T\u00e4tigkeiten. Die Signalqualit\u00e4t am Armstumpf ist auch deswegen stets schlecht, weil die noch vorhandenen Muskeln jahrelang stillgelegt und dadurch atroph und mit Fettgewebe durchwachsen sind. Verwendet man zur Signalableitung nur die Muskelbereiche am Unteramstumpf mit besonders hoher Signalst\u00e4rke, landet man an Stellen am Armstumpf, an dem <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=3784\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beibewegungen, K\u00f6rperhaltungs- oder Armpositions\u00e4nderungen ebenfalls die Steuerung der Hand beeinflussen und so ungewollte St\u00f6rsignale senden<\/a>. Um das Problem der Fehlersignale einzud\u00e4mmen, muss der Schaft die Elektroden daher m\u00f6glichst exakt platzieren, was nur durch Reduktion des Komforts gelingt; so wird die Fehlerquelle der Ellbogenbewegung dadurch reduziert, dass man den Ellbogen in seiner Bewegung durch das Hochziehen des Schafts stark einschr\u00e4nkt. Der ideale myoelektrische Schaft ist daher besonders eng, und schr\u00e4nkt die Beweglichkeit des Ellbogens ein. Ist der Schaft weiter, oder wird ein Liner verwendet, ist der Kontakt der Elektroden mit der Haut weniger verl\u00e4sslich. Der Konstruktion einer Prothesenhand sind auch greiftechnisch enge Grenzen gesetzt, so dass Greiffehler eine allt\u00e4gliche frustrierende Erfahrung darstellen. Umfassend sind diese Problem in unserem letztj\u00e4hrigen Artikel dazu erl\u00e4utert (<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">link<\/a> &#8211; Open Access). Daher stellt nach wie vor die Eigenkraftprothese (Kabelzug) die <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9244\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">um mehrere Zehnerpotenzen genauere, massiv weniger fehlerbehaftete Steuerung<\/a> dar, die zudem bedeutend bequemere Schaftkonstruktionen erlaubt. Der Split-Hook ist die <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9322\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf besonders brauchbare Greifwinkel und Greiffunktion reduzierte Skelett-Variante eines am h\u00e4ufigsten vorkommenden, n\u00fctzlichsten Griffs<\/a>, und l\u00e4sst an Reduktion von Gewicht, Robustheit durch Metallkonstruktion, Langlebigkeit und zuverl\u00e4ssige Steuerung aus Anwendersicht wenig zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Ist gerade keine schwere oder repetitive harte Arbeit n\u00f6tig, so ist der Alltag ganz ohne Prothese am angenehmsten, bequemsten, funktionellsten und auch kosteng\u00fcnstigsten, wenn man die h\u00e4ufigste Amputation (einseitige Unterarmamputation) betrachtet. <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8812\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">So oder so ist die Armamputation ein Zustand, der visuell mit den Mitmenschen verhandelt wird, wobei \u00fcblicherweise diesen die Aufgabe zukommt, sich zu benehmen und \u00dcbergriffe zu vermeiden.<\/a> Umgekehrt ist am Aussehen kaum was zu machen: entweder hat man keine, oder eine klar als diese erkennbare Prothese an. Je funktioneller man unterwegs ist, umso weniger sieht das Ger\u00e4t aus wie die menschliche Hand. Man muss begriffen haben, dass <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=3398\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">der Transhumanismus selbst den Sprung in die Anerkennung dieser Realit\u00e4ten nie schaffte<\/a>; wo der Transhumanismus sonst das Verlassen der menschlichen Form, der anthropomorphen Nachempfindung, als veraltet betrachtet, findet man <a href=\"https:\/\/www.google.com\/search?q=transhumanism+prosthetic+hand\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in diesem Themenbereich zu Armprothesen nur Visuals, Bildhoffnungen, Darstellungen und Vorstellungen von \u00fcbertechnologisierten Handformen<\/a>. Damit ist die richtige Reaktion auf dieses Spannungsfeld ein vorsichtiges Resignieren und die Konzentration aufs Wesentliche.<\/p>\n<p>Eine Behinderung fordert uns als anwesende Mitmenschen (das Wort enth\u00e4lt es ja) auch heraus, indem sie uns abverlangt, uns selbst zu entwickeln, und allenfalls andere Haltungen, Ansichten und neue Umgangsformen zu entwickeln &#8211; wie der Autor in Bezug auf die Beziehung zu seinem eigenen autistischen Sohn zur Kenntnis brachte: stellt man sich den Fragen, ist die M\u00f6glichkeit, dass man daran reift. Es sind den M\u00f6glichkeiten der Rehabilitation aber, wie nun dargelegt, vor allem apparative Grenzen gesetzt. Aber das muss kein Problem sein. Patrick van der Smagt, den ich vor Jahren an der DLR in Oberpfaffenhofen traf, der damals schon ambitionierte Bioprothesenforschung betrieb, sagte mir beim gemeinsamen Mittagessen im Kloster Andechs, dass nach wie vor die mit Abstand beste L\u00f6sung f\u00fcr eine Behinderung wie meine (Unterarmamputation rechts) sei, sich gelegentlich von Mitmenschen bei kleinen Dingen etwas helfen zu lassen \u2013 und nicht, die Prothetik in ihrer Unf\u00e4higkeit, L\u00f6sungen zu bauen, mit zu grosser Hoffnung zu belegen, da diese dies kaum oder gar nie erreichen werde, was immer man ihr auch in modernen M\u00e4rchen andichtet. Ich habe seither zunehmend Leute \u2013 meine Frau, Freunde, Mitarbeiter, Nebenstehende, Sitznachbarn \u2013 gefragt, ob sie mir etwa eine Flasche \u00f6ffnen, oder, eine Packung aufreissen. Schwer zu \u00f6ffnende Verpackungen brachte ich in L\u00e4den auch schon zum Kundendienst, anstatt damit meine Prothese zu beanspruchen. Extrem kosteng\u00fcnstig, extrem nachhaltig, extrem funktionell. Auch dieses Buch impliziert mit seiner Geschichte, dass Neuroprothesen Grenzen haben, schreckliche Grenzen sogar &#8211; nur: wer Prothesen versteht, wirklich versteht, wird nie vermuten, dass sie Behinderte zu besseren Menschen macht (verdammt, ist dieser Satz doppeldeutig?). Damit kann die Geschichte in diesem Buch keine wundersame Wandlung eines Franks erhoffen: was passierte sind auch irgendwie Zwangsl\u00e4ufigkeiten.<\/p>\n<p>Nun, der Weg in ein Miteinander ist der einzige Weg in ein Miteinander, dieser Weg &#8211; der ins Miteinander &#8211; f\u00fchrt nicht zwingend \u00fcber das \u00fcberm\u00e4ssige Gelten von Prothesen oder Gadgets: sie sollen Mittel zum Zweck bleiben. Es ist ein Miteinander, das zwingend gemeinsam gegangen werden muss. Dabei ist der Weg behutsam und kompetent zu gehen, die Besonderheiten und Grenzen, Schwierigkeiten und M\u00f6glichkeiten, sind vorsichtig zu diskutieren und gemeinsam zu beleuchten. In diesem Buch ist die taktvolle, l\u00fcckenlos sorgsame Heranf\u00fchrung des Autisten Christoph an die Neuroprothese des umstritten dargestellten Forschers Frank der hier klar fehlende Akt. Und wenn das nicht funktioniert \u2013 nicht alle Leute k\u00f6nnen sorgsam herangef\u00fchrt werden, nicht alle Leute sind zu einem pfleglichen und respektvollen Miteinander in der Lage -, dann stellt sich die Frage nach f\u00fcrsorglichen, sch\u00fctzenden Schranken, Grenzen, nach erh\u00f6hter Distanz, nach Abstand und nach klarer Abgrenzung.<\/p>\n<p>Der Behinderte hat nun die Klarheit um Umst\u00e4nde und Integration zu einem grossen Teil in sich. Es ist an ihm, sich darin zu finden und auch zu \u00e4ussern. Das nimmt auch mir niemand ab. W\u00e4hrend beispielsweise alle Forschung zu Phantomschmerzen nach Armamputation das Hirn als Ursprung vermutet, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8513\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">w\u00e4hrend seit Jahrzehnten nun die Technik das fMRI des Gehirns mit allerlei \u00abErgebnissen\u00bb feiert<\/a> und dort in Dingen sucht, die kaum eine Therapie erlauben, stelle ich fest, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9034\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dass meine Realit\u00e4t auch hier etwas anders ist. Passend zu Studien vor Jahrzehnten stelle ich bei mir fest, dass mein Phantomschmerz stark mit der Hauttemperatur am Stumpf korreliert<\/a> \u2013 bei gleicher Umgebungstemperatur. Mein Armstumpf hat schlechte Zirkulation, so dass das Komprimieren das Problem der Stauung vermindert. Damit sinken die Phantomschmerzen rasch auf einen geringen Bruchteil der initialen Intensit\u00e4t. Der Prothesentechniker weiss dies, dort erhielt ich auch Masskompressionsstr\u00fcmpfe daf\u00fcr. Die Invalidenversicherung (IV) weiss, wie wirksam diese sind, sie bezahlt diese Str\u00fcmpfe. Aber R&amp;D wurstelt mit unbeirrbaren fMRI-Studien in eine v\u00f6llig andere Richtung, arbeitet mit eingebildeten Signifikanzen, und erhofften &#8211; aber kaum umgesetzten &#8211; Therapiephantasien. Man vermutet, dass sensorisches Feedback die Phantomschmerzen behebt, und st\u00fctzt sich dabei auf neurologische Vermutungen, die aus dem fMRI stammen. Ich war Teil eines Forschungsprojekts, und im Rahmen dieser Versuche liefen meine Phantomschmerzen v\u00f6llig aus dem Ruder. Die Forscher glaubten mir das allerdings zun\u00e4chst gar nicht, da sie ihrer eigenen Idee mehr Vertrauen schenktem als einme Behinderten, der vor ihnen sass und vor sich hin litt. Was dort gebaut wird, ist eben auch immer wieder das Abbild einer aufwendig illustrierten Wirklichkeit f\u00fcr Nichtbehinderte. Dies riskiert damit, eine v\u00f6llig andere Welt zu sein. In diesem Buch prallen diese Welten fast unvermittelt aufeinander, ohne dass die Vermittlung besonders augenscheinlich, oder im Konzept der Neuroprothese, oder etwa durch besonders bewusste Heranf\u00fchrung und entsprechenden Diskurs, integriert, wird. Darin liegt ein sehr relevantes Spannungsfeld, aus dem die Geschichte dieses Buchs Energie f\u00fcr ihre Stimmungen bezieht.<\/p>\n<p>Auch der Umgang mit m\u00f6glichen, bereits heute verf\u00fcgbaren Hilfsmitteln ist und bleibt ein Miteinander. Dieses musst aber erst erreicht werden, Rehabilitation mit Prothesen ist nichts, das auf Knopfdruck funktioniert. Der Behinderte muss den Weg in die M\u00f6glichkeiten und relativ engen Grenzen selbst ausloten, denn das Produkt, die am Anwender wirklich funktionierende Armprothese, kann man nicht einfach so kaufen. Der Prothesentechniker ist in diesem Prozess eine Schl\u00fcsselfigur. Die Kombination der Komponenten, die Ausf\u00fchrung, musst der Behinderte mit dem Techniker selbst bewerten und verbessern lernen. Die Mitmenschen sind gehalten, diesen Weg ebenfalls mitzumachen. Ohne tats\u00e4chliche Auseinandersetzung geht das nicht, und das ist letztlich f\u00fcr alle Beteiligten sowohl anstrengend wie auch, wenigstens potentiell, f\u00f6rderlich. So ist etwa ein Setup, wie der Cybathlon 2016 zum Testen von Armprothesen aufstellte, einer Rehabilitation nur dann f\u00f6rderlich, wenn der Amputierte diesen Parcours zun\u00e4chst ohne Prothese, dann anschliessend mit unterschiedlichen Modellen oder Varianten, vergleichende Abl\u00e4ufe durchf\u00fchren kann, wobei diese besonders auch qualitativ zu bewerten sind. Dass die Veranstalter auf einen Schauprozess mit Ausstellung der Amputierten setzten, ist ihrer &#8220;Forschermentalit\u00e4t&#8221; zuzuschreiben, nicht dem, dass ich es nicht versucht h\u00e4tte. Damit leistet der Cybathlon gerade eben keinen Beitrag zur Rehabilitation: das eigentliche Potential, ein Miteinander zu erzeugen, wurde aufs brillianteste vermieden. Schlimmer noch:<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9404\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> inzwischen werden Amputierte f\u00fcr ein Schulprojekt unter &#8220;Material&#8221; aufgef\u00fchrt &#8211; wir sind Material, das man zum Anstarren und Anfassen bei Cybathlon bestellen kann<\/a>. Die Tragweite dieser Art Zynik ist beachtlich, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8812\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schliesst aber an die universit\u00e4re Zynik, (auch &#8220;nur&#8221; k\u00f6rperlich) Behinderte pauschal als Beispiel f\u00fcr permanent Urteilsunf\u00e4hige zu nennen<\/a>, nahtlos an. W\u00e4hrend derartige Ansichten von Zeitgenossen schlicht entsetzlich sind, darf man ihnen zum grossen unweigerlich vorauszusetzenden Mut, auch heutzutage zu derartig ausserordentlichen Grundansichten so klar und offen Stellung zu beziehen, gratulieren. <em>This shit takes real balls.<\/em> Auch dieses Buch zeigt hier leider keine Vision in der Richtung, eine besonders sorgsames Miteinander im Verlauf der Geschichte zu erreichen &#8211; vielmehr wird ein unvermitteltes tragisches Aufeinanderprallen geschildert. Daher finde ich auch weiterhin die Lekt\u00fcre von beispielsweise<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3453056655\/ref=as_li_qf_asin_il_tl?ie=UTF8&amp;tag=ux78u76dz-21&amp;creative=6742&amp;linkCode=as2&amp;creativeASIN=3453056655&amp;linkId=83cb94aed4a5fc663441a615e1683799\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> Neuromancer (William Gibson)<\/a> erleuchtend und inspirierend, da dort das Wesen von prothetischem Wahrnehmen, Handeln und Sein auf eine viel st\u00e4rker brummende Art, auf einen umfassend hautnahen Kontakt mit Technologie, beschrieben wird. \u00dcberhaupt finde ich ja das Thema Neuroprothetik, vielleicht in \u00e4hnlich pragmatischer Lowtech-Weise wie ich es bei Armprothesen erlebe, sehr spannend. Als ein Onkel von mir etwa 1983 an ALS erkrankt war, hackte ich meinen C-64-Computer, l\u00f6tete einen grossen leichtg\u00e4ngigen Lichtschalter dran, und so konnte mein Onkel durch bet\u00e4tigen des Knopfs mit seinem Kopf das von mir geschriebene Programm, welches ein durchlaufendes Alphabet darstellte (ich hatte bildschirmf\u00fcllende Buchstaben und Steuerzeichen programmiert, f\u00fcr gute Lesbarkeit), zur Kommunikation verwenden, und uns Dinge mitteilen, derweil wir stundenlang bei ihm waren und allerlei Dinge redeten. Die Sachen, die er uns mitteilte, waren f\u00fcr uns alle grossartig. Es war ein sehr enges Miteinander, das mitnichten so seltsam oder konfrontativ war, wie die Beziehungen, die in diesem Buch dargestellt waren, obwohl mein Onkel nat\u00fcrlich auch durch eine technische Interfacel\u00f6sung mit uns kommunizierte. Der Cyberspace, vor allem wenn man ihn als Schnittstellenbegeisterter feiert, hat sehr viel positives zu bieten. Dies aber ist keine Buchbesprechung von Neuromancer oder eine eigene biografische Darlegung. Eher geht es um die Prothetik als Erweiterung unserer selbst.<\/p>\n<p>Denn dieses Buch hat nicht das sinnliche Erleben tief im Cyberspace, verkabelt bis \u00fcber die Ohren, in der Kunstwelt auflebend und die Situationen bis zum Anschlag ausreizend, zum Inhalt. Es ist im Grunde auch kein Buch \u00fcber Prothesen oder Neuroprothesen. Es will vielmehr ein Buch \u00fcber Menschen sein, \u00fcber unterschiedliche Menschen. Am Ende steht in diesem Buch, wie als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Ganze in seiner Entstehung und Konsequenz dargelegte Schlamassel, dass ein Gehirn ohne K\u00f6rper eine Maschine sei, Es ist eine Schlussaussage des Buchs, dass das Gehirn ohne K\u00f6rper eine Maschine sei. Damit gemeint ist wohl aber vor allem, dass dieser Aspekt schlecht sei, mitgesagt wird, dass dieses Gehirn ohne K\u00f6rper, das losgel\u00f6ste und mit Neuroprothesen versorgte Gehirn sozusagen, andere \u2013 richtige &#8211; Menschen \u00fcberfordert, insbesondere in zunehmendem Fehlen der Einsicht in k\u00f6rperliche Grenzen oder Umst\u00e4nde. Mitgemeint ist sicherlich auch, dass diesem Hirn ohne K\u00f6rper ein gewisser Teil von Empathie fehle, wobei in dieser Erz\u00e4hlung die Beobachtungszahl n=1 bleibt und es sich auch im wissenschaftlichen Sinne bestenfalls um eine anekdotische Einzelbeschreibung handelt. Diese Sicht ist in sich aber auch partikul\u00e4r, einseitig, stark anthropomorph und antropozentrisch, und \u00fcberfordert nicht nur die Buch dargestellten Mitmenschen, die ob der zunehmenden Schroffheit der \u00c4usserungen des als Hirn im Labor festgesetzten Frank entsetzt sind, sondern gleichermassen Frank, dem in diesem Buch als isoliertes Gehirn existierendem Wesen, der nur deswegen an Neuroprothesen angeschlossen wurde, um sich \u00e4ussern und um sehen und h\u00f6ren zu k\u00f6nnen und dessen Einschr\u00e4nkung letztlich nicht einmal diese ist \u2013 sondern seine unverhandelte, teilweise tyrannisch ausgelebte, nicht in einer Metaebene ausreichend zerzauste Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Behinderte sind eben auch das: unf\u00e4hige, b\u00f6se, ungeduldige, fordernde, \u00fcbergriffige, seltsame und ansonsten in jeder Hinsicht individuelle Pers\u00f6nlichkeiten. Anstatt still das Krankenzimmer zu verlassen, l\u00e4sst sich Tina zu ausufernder Teilhabe hinreissen, und anstatt fernzubleiben, dr\u00e4ngt sich dazu ihr autistischer Bruder Christoph auf, und die Situation eskaliert, es kommt zur T\u00f6tung von dem wenigen, was von Frank \u00fcbrig ist. Ohne fehlende Grenzen, ohne vorsichtigen und behutsamen Umgang mit den Methoden der Kommunikation, sind keine gemeinsamen Wege m\u00f6glich, und die Wahrscheinlichkeit von Eskalationen steigt &#8211; stets. Man k\u00e4me selber drauf, und damit ist dieses Buch eine weitere, hervorragende Gelegenheit, sich diese \u00e4usserst allgemeinen Zusammenh\u00e4nge anschaulich zu vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist der Vorwurf, der dem Neurowissenschaftler Frank, der Forscherfigur mit Vision und Arroganz, gemacht wird, wie auch in diesem Buch, allenfalls eine unzul\u00e4ssige Trivialisierung. Immerhin schafft und implementiert Frank, wie in diesem Buch ausgef\u00fchrt wird, durch seine Arbeit und sein Werk auch eine ganze Menge Macht. Diese Macht, wie man heute vielleicht auch sagen k\u00f6nnte: Biomacht &#8211; \u00e4ussert sich unter anderem in einer Technologieleistung, die absolut beachtlich ist. Das droht in einer allzu stark vereinfachenden Trivialisierung etwas unterzugehen. Wer solche Macht aus\u00fcbt, ist darin auch sehr verletzlich, der Machthaber kann dies nur durch den Ausbau der Macht abwenden, und wird dadurch nur noch verletzlicher. Hierzu bietet dieses Buch als Schaukasten grosser Verletzlichkeit des Machtanspruchs gen\u00fcgend Reflektionsfl\u00e4che. Aber nicht einmal die \u00dcberzeugung, man sei Gott, kann diesen verh\u00e4ngnisvollen Prozess aufhalten (Anne Springer, Alf Gerlach, Anne-Marie Schl\u00f6sser\u00a0 (2005): Macht und Ohnmacht). Darin enth\u00e4lt jede Machtposition auch paranoide Prozesse, die man aufs anschaulichste an solchen Vorg\u00e4ngen anheimgefallenen Zeitgenossen studieren kann. Der Ausdruck &#8220;Kadavergehorsam&#8221; deutet gerade auch darauf hin, dass es sich im Grunde um eine bereits vorher tote, leblose Welt handelt. Diese Innensicht einer Macht in seiner Schr\u00e4glage darzustellen ist aber keine besondere Leistung dieses Buchs &#8211; das ist andernorts bedeutend besser vertieft, wer dies weiss, erkennt es allerdings hier auf Anhieb wieder. Hierzu k\u00f6nnte man andere Literatur, wie etwa Walter Vogts &#8220;W\u00fcthrich&#8221;, herbeiziehen. Dies aber ist keine Buchbesprechung von &#8220;W\u00fcthrich&#8221;: diejenigen, die Macht haben, aus\u00fcben und sie ausbauen, sollten es besser wissen &#8211; so der Trivialglaube, dem wir uns nun blind anschliessen wollen. Und genug ist genug &#8211; nicht jeder T\u00e4ter soll auch gleich sofort schon Opfer sein d\u00fcrfen, wenn es Rollen wie T\u00e4ter und Opfer gibt, so wird hier die unzul\u00e4ssige Vereinfachung der Reduktion auf eine Rolle ge\u00fcbt, wo es doch so viel verworrener sch\u00f6ner sein k\u00f6nnte. Das Gehirn ohne K\u00f6rper ist laut Aussage in diesem Buch &#8220;eine Maschine&#8221;, das lassen wir so mal als Schlussaussage stehen.<\/p>\n<p>Was mit dieser Schlussaussage nicht explizit gesagt aber unterstellt wird, ist, dass auch das nicht-behinderte Gehirn \u00abohne\u00bb behinderten K\u00f6rper gegen\u00fcber dem Behinderten, dem behinderten K\u00f6rper, zur seelenlosen, empathiefreien Maschine zu verkommen droht. Aus meiner Sicht stimmt auch mit dieser implizierten Vermutung zwar die Intention, die Richtung, auch diese Vermutung scheint nicht ganz falsch zu sein: aber das Wort \u00abohne\u00bb ist hier sehr viel genauer zu pr\u00e4zisieren, um ausreichend aussagekr\u00e4ftig zu sein. <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=5743\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Denn aus Erfahrung stimmt es nicht ganz \u2013 immerhin benehmen sich viele Nichtbehinderte auch dann in irgendeiner Art als vielleicht anteilweise seelenlose oder empathiearme Maschinen, wenn sie von Behinderten umgeben sind, oder sogar, wenn sie sich eine 3D-Brille oder einen Armprothesensimulator anziehen<\/a>. Oder gerade dann. Ich k\u00f6nnte Namen nennen, ich weiss sogar, wo deren Haus wohnt. Nichtbehindert-Sein ist nicht per se mit besserer Einsicht, noblen Motiven oder respektvollerem Umgang verbunden &#8211; es gibt sehr viele, richtig grobe R\u00fcpel, da darf man sich nichts vormachen. Aber eventuell sind diese Leute sich dieser Umst\u00e4nde nicht stets bewusst. Allenfalls sitzt man neurologischen Mechanismen zwischen eigener Seele und K\u00f6rper auf.<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8882\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> Denn K\u00f6rperliches generell hat oft etwas Tyrannisches, es ist unver\u00e4usserlich, das K\u00f6rperliche ist in sich unverhandelbar, und auch kaum vermittelbar &#8211; und abgestimmt, abgewogen, vorsichtig gesucht, wird da selten bis nie. Das K\u00f6rperliche ist in seiner Wesensbeziehung zum Selbst rationalen Argumenten typischerweise vermutlich kaum zug\u00e4nglich, es ist der integrierten Steuerung durch die Kommandozentrale Hirn unterworfen, und dort werden Kommandos eben oft als Befehle gegeben, der K\u00f6rper hat sich zu unterwerfen.<\/a> Nichtbehinderte riskieren daher, ihre eigenen axiomatisch verorteten Devisen zur K\u00f6rperlichkeit auch Behinderten vorzuschreiben, \u00fcberzust\u00fclpen. Ueberraschenderweise finden dann bei Armamputation und Prothesen gelegentlich unterw\u00fcrfigste Umkehrreaktionen statt, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=6505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leute, die besonders gute und unterw\u00fcrfige Cyborgs sein wollen, die diesen K\u00f6rpervorschriften besonders gut Folge leisten wollen<\/a>: manche Behinderte werfen sich da im Sinne eines Stockholmsyndroms den &#8220;anthropomorphen Erpressern&#8221; an den Hals und <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=5779\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gehen in der Pantomime auf<\/a>. Das muss auch gar nicht schlecht sein, solange man sich des potemkinischen Versuchs reflektierend bewusst ist. Es gibt Armamputierte, die das Tragen einer dysfunktionalen \u00fcberteuerten iLimb oder Bebionic-Hand sogar als Inspiration feiern, sich selbst &#8211; etwa wie <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/jcbionic\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Joshua Clark- gar als &#8220;bionic man&#8221;<\/a><span id='easy-footnote-1-9492' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9492#easy-footnote-bottom-1-9492' title='Erster Eintrag von Joshua Clark a.k.a. J Michael Clark auf &lt;a href=&quot;https:\/\/www.instagram.com\/jcbionic\/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.instagram.com\/jcbionic\/&lt;\/a&gt;: 5. Juni 2016; auf &lt;a href=&quot;https:\/\/www.facebook.com\/JCBionic\/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.facebook.com\/JCBionic\/&lt;\/a&gt;: 12. Mai 2016. Andere Benutzer, die sich ebenfalls Bionic Man nennen: Michel Fornasier &lt;a href=&quot;https:\/\/www.facebook.com\/YourBionicman\/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.facebook.com\/YourBionicman\/&lt;\/a&gt;: erster Eintrag 22. August 2018; Music-Band Bionic Man: &lt;a href=&quot;https:\/\/www.facebook.com\/officialbionicman\/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.facebook.com\/officialbionicman\/&lt;\/a&gt; &amp;#8211; erster Eintrag 30. September 2010; weitere Musikerseite Bionic Man: &lt;a href=&quot;https:\/\/www.facebook.com\/BionicManMusic\/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot;&gt;https:\/\/www.facebook.com\/BionicManMusic\/&lt;\/a&gt; mit Ersteintag 16. November 2014'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> feiern lassen, oder ihm etwa diese Masche nachzumachen, ohne aber ihr eigenes Brot im Schweisse ihres Angesichts durch harte ehrliche Arbeit zu verdienen (<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">was ja mit diesen Prothesen gar nicht geht<\/a>), derweil der normal arbeitende Servicedienstleister weiterhin zur schweren Arbeit nichts als den Eigenkrafthaken (body powered split hook) hat, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=3312\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf den dann durch die feinen Herren ausserdem nach Kr\u00e4ften herabgespuckt wird<\/a>. Meist stehen <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=4678\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dahinter sehr tiefe \u00c4ngste<\/a> &#8211; was wir aber ebenfalls nicht trivialisieren wollen: nurmehr entsetzt auf anscheinende Unmenschlichkeit der T\u00e4terschaft solcher absch\u00e4tziger Haltungen zu reagieren, greift zu kurz. Sie bezeichnen modernste Greiftechnologie mit Eigenkraft als b\u00f6se, ordnen es dem &#8220;Captain Hook&#8221; zu &#8211; haben dabei nicht einmal n\u00e4herungsweise gleichwertiges, geschweige denn besseres, an Greiftechnologie vorzuweisen. Als <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8680\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Behinderte &#8220;spielen&#8221; wir aus Sicht dieser Personen &#8220;eine Rolle&#8221;, als Behinderte sollen f\u00fcr diese Leute im Umgang mit unserem Handicap &#8220;unterhaltend sein&#8221;<\/a>. Nat\u00fcrlich stimmt da etwas sehr Profundes nicht, nat\u00fcrlich sind das auch irgendwo Hilfeschreie. Dabei soll es aber nicht auch noch meine Aufgabe sein, allf\u00e4llige Angstst\u00f6rungen oder andere Verirrungen bei Mitmenschen einschliesslich anderen Armamputierten zu beheben, die sich durchaus in Unsicherheiten wie allzu unbew\u00e4ltigtem Technologisierungsdrang oder dem st\u00e4ndigen Herabschauen auf Behinderte \u00e4ussern k\u00f6nnten &#8211; was wir also als eigenes Thema lieber gar nicht erst weiter benennen. Dazu kommen allerneueste Tendenzen, nachdem der Cybathlon 2020 Armamputierte mit &#8220;bionischen&#8221; Armprothesen \u00f6ffentlich vorf\u00fchren lassen will, wie sie N\u00e4gel einh\u00e4mmern (wobei man sich auf den Finger hauen darf) oder Gl\u00fchbirnen in die Lampenfassen schrauben (wobei die Anleitung zum Wettbewerb sogar erl\u00e4utert, was bei Zerbrechen einer Birne passieren soll) &#8211; w\u00e4hrend typischerweise Hersteller dieser Prothesen s\u00e4mtliche Manipulationen mit Verletzungsrisiko unmissverst\u00e4ndlich ausschliessen (siehe Touchbionics \/ Ossur und die Dokumentation zum iLimb; dies wurde mir auch auf R\u00fcckfrage best\u00e4tigt). Indem also der k\u00f6rperliche Mangel durch schlechte anthropomorphe potemkinsche Anmutungen keineswegs ausgeglichen wird, soll diese Wahrnehmung durch den Heroismus des Verbotenen aus dem tiefen Schlamm gerissen werden: hier stockt der Atem des Technikers, des Technikbegeisterten, des Technikfreunds und des wahren Ingenieurs. Wir sind weit, ganz weit, weg von Rehabilitation: hier will sich das inh\u00e4rent Unzul\u00e4ngliche durch die Blutspur von Glasscherben freih\u00e4mmern, freibluten. Damit wird also in diesem Aktionsbereich unbestritten die Tyrannei des intakt vorgeturnten K\u00f6rperbilds instrumental sein, wobei ja auch dieser offenbar tabuisierte Elefant im Raum nicht benannt werden will &#8211; die zur Verk\u00f6rperung von Prothesen Berufenen schauderten bei der Pr\u00e4sentation genau dieser Sachlage. Es \u00f6ffnet sich bei der Evaluation einer &#8220;bionischen&#8221; Handprothese (die ja mit Verl\u00e4sslichkeit bei echter Arbeit gar nicht funktionieren KANN [<a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=8066\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">link<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=9304\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">link<\/a>]) mithin ein <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=4239\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">enormes Spannungsfeld zwischen Symbolik und Nichtstun<\/a> (im Sinne <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=6049\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Thorstein Veblens<\/a>) auf, das den Rahmen dieser Buchbesprechung ebenfalls sprengen w\u00fcrde, aber ein Hinweis auf die Unl\u00f6sbarkeiten im Versuch eines Miteinanders darstellt: nicht jeder misslungene Versuch, das Anliegen des Gegen\u00fcbers zu verstehen, darf sofort in der v\u00f6lligen Selbstaufgabe und im Stockholmsyndrom enden. Nur weil manche Amputierte oder (schlimmer) Nichtbehinderte das Fehlen manueller Funktion einer Armprothese nicht als Mangel empfinden, da sie schwere T\u00e4tigkeiten nicht selbst verrichten, nie verrichteten, keinerlei eigenen Bezug dazu haben, ist es nicht zul\u00e4ssig, dass sie die Vorherrschaft des praktisch manuell Nutzlosen pl\u00f6tzlich f\u00fcr alle fordern oder implementieren wollen &#8211; oder, quasi als Beweis von Dingen die wir nie abfragten, nun dazu \u00fcbergehen, unzul\u00e4ssigerweise diese filigranen Schauprothesen zum Zerdr\u00fccken von gl\u00e4sernen Gl\u00fchbirnen oder dem Zerh\u00e4mmern der &#8220;gesunden&#8221; Hand zu verwenden. Und nicht allen Nichtbehinderten ist Folge zu leisten, wenn sie einem sagen, zieh erst eine &#8220;bionische&#8221; Hand an, bevor Du mit mir redest &#8211; denn bei diesem Spiel mitzumachen ist auch nicht ohne Nebenwirkungen und Risiken. <a href=\"https:\/\/www.swisswuff.ch\/tech\/?p=195\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Augenh\u00f6he ist in sehr umfassender Weise anders<\/a>.<\/p>\n<p>Was vielmehr n\u00f6tig ist, ist das sich aufeinander Einlassen, das Erm\u00f6glichen eines Miteinanders, auf Augenh\u00f6he. Auf Augenh\u00f6he! Das l\u00e4sst sich weder alleine durch Nebeneinandersitzen, durch miteinander Tun, oder durch zeitgleiches Erscheinen generell erreichen. Dazu ist tiefere inhaltliche Besch\u00e4ftigung und Auseinandersetzung n\u00f6tig, wobei bei der Auseinandersetzung das Tabuthema der Unzug\u00e4nglichkeit des tyrannisch unterworfenen K\u00f6rpers, des umgekehrt den Geist auch tyrannisch unterwerfenden K\u00f6rpers, ans Licht zu zerren, um dann f\u00f6rderliche und weniger f\u00f6rderliche Fragen zu Ansichten, Haltungen und Umgang besser zu beleuchten. Da das aber oft nicht geht, da es auch torpediert und boykottiert wird, ist Abgrenzung, Ausgrenzung \u2013 auch von Nichtbehinderten aus den Kreisen Behinderter \u2013 praktizierte Realit\u00e4t. Manche tiefen, einsichtigen, langfristig angebahnten Dialoge zur Wahrheitssuche in der Behinderung, in der Projektionsfl\u00e4che, in den Vermutungen und W\u00fcnschen, enden richtigerweise damit, dass die vermuteten tiefen Abgr\u00fcnde noch tiefer sind als zun\u00e4chst bef\u00fcrchtet. Dialog leistet auch dies: die gemeinsame Einsicht, dass da kein Miteinander ist, sein wird, sein kann. Und w\u00e4hrend ich mir hier noch die M\u00fche gebe, diese Fragen zu reflektieren, kenne ich Armamputierte, die umfassend h\u00e4rter, rascher, gr\u00f6ber, krasser sind, was ihre eigene Ausgrenzung von derart sonderbare Haltungen vertretenden Personen angeht.<\/p>\n<p>W\u00e4re Frank als behinderte Person (die Existenz eines Menschen nur als ein Gehirn mit neuroprothetischem Anschluss ist sicher eine h\u00f6chstgradige Behinderung) hier in der Geschichte dieses Buchs etwas w\u00e4hlerischer gewesen in der Art und Weise, wie er seine Bekanntschaften ausw\u00e4hlt, w\u00e4re Tina als Schwester und Beist\u00e4ndin des Autisten Christoph in ihrer Wahl der Situationen, in denen sie Christoph mitnimmt, zul\u00e4sst, umsichtiger, f\u00fcrsorglicher, verantwortungsvoller, nicht so distanzlos gegen\u00fcber Arbeitsplatz (erster Tatort) oder Krankenhaus (zweiter Tatort) gewesen, w\u00e4re die Geschichte wohl anders ausgegangen. Aber man kommt erst mit der Zeit drauf, solche Vorstellungen m\u00fcssen reifen. Frank war sicher mit den sich \u00fcberst\u00fcrzenden Ereignissen \u00fcberfordert, und er \u00fcbersch\u00e4tzte Tinas F\u00e4higkeit darin ebenso.<\/p>\n<p>Und so endet dieses Buch ohne \u00dcberraschung in der Ausgrenzung, in der Auswanderung, am Ende der Welt sozusagen. Es prangert an, und seilt sich dann ab, ohne f\u00fcrsorgliche Distanzierung nach vertieftem Dialog und Situations\u00fcberpr\u00fcfung in der Frage nach der kontrollierten Beziehungsf\u00e4higkeit des Autisten Christoph zu ihrem im Grunde zugangskontrollierten Arbeitsplatz oder dem \u00e4usserst heiklen Setup in der Intensivstation des Spitals. Und es \u00fcberl\u00e4sst uns die konstruktive Interpretation, den Versuch des Dialogs, die eigenen Spannungsfelder in ein Gleichgewicht zu bringen, aber auch das rechtzeitige, das sch\u00fctzende vorhersehende und f\u00fcrsorgliche Ausgrenzen.<\/p>\n\n<div class=\"twitter-share\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?via=swisswuff\" class=\"twitter-share-button\" data-size=\"large\">Tweet<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mir nun termingerecht das Buch &#8220;Zweimaltot&#8221; von Beat Glogger vorgenommen. Meine Buchbesprechung, Review oder Rezension hier verr\u00e4t allerdings Einzelheiten \u00fcber den Ausgang (Spoiler Alert). 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