Verbale Diminutionen [German language rant]

Beim Lesen von deutschen Texten sowohl im Berufsalltag als auch privat stolpere ich ‘immer mal wieder’ (!) über verniedlichende Verwendungsformen von Verben (‘Tun-Wörter’), ohne dass mir früher auf Anhieb gleich bewusst wurde, was genau damit gelegentlich nicht stimmen sollte.

Es ist das Verdienst des Schweizer Satireautors Laurenz Hüsler, dass er vor Jahren nach der Möglichkeit verbaler Diminutionen gefragt hat, was mich bereits damals zu einer ersten systematischen Aufarbeitung meiner eigenen Erfahrungen motiviert hat.

Ich habe mir schon seit meiner Gymnasialzeit – u.a. auch mit Augenmerk auf verkleinernde Verb-Formen – immer wieder die Frage gestellt, ob nicht etwa die Bedeutung der Sprache und dabei auch der Wortwahl sehr viel wichtiger beim Aufbau von Bedeutungen sei, als man gemeinhin annimmt.

Mich selbst wundert es daher nicht, dass zum Beispiel gerade Noam Chomsky, einer der bedeutenderen Linksintellektuellen, im “richtigen Beruf” Linguistiker ist: man kommt gerade auch in politischen und anderen kommunikationsintensiven Bereichen eben nun gerade nicht darum herum, sich der Grammatik, der Wortbedeutung und des Satzbaus anzunehmen, denn dies ist Grundvoraussetzung, um dann zu verstehen, was mit Wörtern angestellt wird, bevor sie in unserem Hirn allerlei Dinge, und dabei auch groben Unfug, anrichten können.

Die Verkleinerung als ein Add-On zum deutschen Wort

Diminutive sind Verkleinerungsformen, und sie gelten als in der deutschen Sprache auf Substantive beschränkt. Der Stellenwert von solchen Diminutiven ist der von sog. “grammatikalischen” Verkleinerungsformen, währenddem andere Formen der Verkleinerung, etwa durch Verwendung eines Adjektivs, im Grunde nicht als eigentlich grammatikalische Verkleinerungsform oder Diminutivform angesehen werden, sondern eher als linuistische Eigenheiten anzusehen sind. Jedenfalls funktionieren sie so, dass das von mir im folgenden aufgezeigte Verkleinerungsmuster des Bedeutungszusammenhangs von Verben – interessanterweise auch im Französischen oder Englischen – gesetzmässig funktioniert und nicht etwa ein einmaliges oder seltenes Produkt des Zufalls ist.

Als verkleinernde Wortabänderungen bei Substantiven finden sich typischerweise Endsilben (-chen, -lein, bei Namen -i, schweizerdeutsche Dialekte: -li, bayrische Dialekte: -erl, schwäbische Dialekte: -ele, hessische Dialekte: -sche). Sie sollen angeblich Kennzeichen gesprochener Sprache insbesondere niederer sozialer Schichten darstellen (nach Nelson Cartagena und Hans-Martin Gauger).

Substantive werden diminutiv verwendet, sofern geometrische Kleinheit entlang einer oder mehrerer Raumachsen, junges Lebensalter, geringes Körpergewicht, oder wenn Koseform oder Verniedlichung ausgedrückt werden soll.

Dagegen ist die grammatikalische und linguistische Beschreibung von Verkleinerungsformen von Verben in der deutschen Grammatik sprichwörtlich abwesend. Nichtsdestotrotz gibt es in der deutschen Sprache Diminutionskonstruktionen, die mit klarer Eindeutigkeit eine Verkleinerung, Verniedlichung oder anderweitige Einschränkung des Benennungsbereichs eines Verbs abzielen. Dabei ist die Verwendung von verbalen Diminutionen aber – gegenüber den Diminutivformen von Substantiven – weder auf niedere soziale Schichten beschränkt, noch im Einsatz auf etwelche Lebenslagen, Wuchsformen, biologische Entitäten oder geometrische Ausdehnungen beschränkt.

Bei den verbalen Diminutionen haben wir es somit nicht nur mit einer sehr viel komplexeren, vielgestaltigeren und differenzierteren Grammatik zu tun, sondern es handelt sich auch um ein bisher wenig beachtetes, wenn nicht unbeachtetes Phänomen der deutschen Sprache.

Wer die deutsche Sprache aber kritisch und analytisch einsetzt, wird die nachfolgenden Ausführungen sowohl bei der Analyse von Geschriebenen und Gesagtem, wie beim Entwurf und der Ablieferung eigener verbaler Ergüsse produktiv umsetzen können oder, noch besser, Ergänzungen dazu finden.

Formen und Ausmass der verbalen Diminution: Suffix-Diminutionen bei Verben

Verkleinerungsformen von Wörtern in Form von Verben können denjenigen der Substantiv-Diminutive offensichtlich ähneln, wie die Wortreihe der mit -eln endenden Vokabeln zeigt.

Dazu sind mit Sicherheit aus ihrer Anwendung und Bedeutung zunächst die in ihrer Herkunft grundsätzlich unklaren Verben bröseln (in zusehends kleine Brocken zerfallend), kräuseln (eine Oberfläche in eine komplex feine, kraus aufgefaltete Struktur legen), wackeln, schütteln oder rütteln (in unbestimmter, doch recht schneller Weise hin- und herbewegen), hecheln (durch oberflächliche und schnelle Ein- und Ausatmung charakterisierte Atmung), serbeln (langsam dahinsiechen) sowie röcheln (komplexes Geräusch im Rahmen einer Atemnot) zu zählen. Ohne dass diese Verben in unverkleinerter Weise vorkommen, haftet ihnen, wohl durch die Lautähnlichkeit zum diminuierten Substantiv, zweifellos als Konnotation oder Beigeschmack das Lächerliche oder sogar das ‘fraktal vom anschaulich dimensionierten bis hin ins unendlich kleine reichende’ an.

Es handelt sich also um Verben, welche im Sinne des ebenfalls unskalierten Begriffs des sog. “animalen Einzelwegs” (Fred Fischer) verschiedene Skalierungen gleichartiger Aktionen aufeinander summieren können – ohne dies aber in jeder einzelnen Instanz zu tun. Der Psychiater Fischer zerlegt Eigenheiten von Handlungen animaler Wesen, indem er jede ‘animale’ Einzelhandlung – vom lokalen bis zum globalen Ritt, sozusagen – in mehrere Phasen unterteilt, und diesen diskreten und bestimmten Phasen ganz eigentümlich systematische Risiken, Geschwindigkeiten, Hemmungen und Beschleunigungen zuweist und diese dann mit Beobachtungen untermauert – ein Wortfest für jeden, der nicht glaubt, dass ein “Unfall” stets nur ein “Zufall” ist. Spätestens beim Begriff “Zielbann”, der sowohl die Hand, die sich der Bestimmung – z.B. der Herdplatte – nähert, als auch den ganzen Menschen, der sich einem Reiseziel – z.B. einem Versicherungsgebäude – nähert, erkennt man, wie ganz unterschiedlich skalierte Zeit- und Raummasse aus menschlicher Optik plötzlich ganz wesentliche Gemeinsamkeiten aufweisen (Fred Fischer: Der animale Weg – Wegphasen und Weghindernisse, Zürich 1972). Analog zur psychiatrischen Sicht auf die Bewegung lassen sich systematische Einschränkungen oder Modifikationen der zu Bewegung oder Aktionen passenden, sog. “Tun-Wörter” – Verben – benennen. Aber ich schweife ab.

Bei der Suffix-Diminution von Verben scheint die Abgrenzung der “L-addierten” oder auch “R-addierten” Verben (Bast: basteln, lachen: lächeln, Velo: velölen, Schutt: schütteln, Platschen: plätschern) von den “von einem auf L endenden Substantiv abgeleiteten Verben (Jodel: jodeln, Segel: segeln, Kachel: kacheln, Kübel: kübeln, Trödler, Trödel {naja}: trödeln, Fackel: fackeln, Wickel: wickeln) zunächst notwendig, um dieses Phänomen überhaupt beschreiben zu können.

Macht einer den Kaspar auf spielerische Weise, so wird diese Person “herumkaspern” oder “kasperlen”. Vom Vornamen Hans kommt es durch lose mit diesem Namen assoziierte Dummheiten wohl zum Verb “hänseln”, welches soviel bedeutet, wie aufziehen, oder auf etwas hämische Weise zu necken. Fährt ein Kind spielerisch mit einem Fahrrad herum, so wird man in der Schweiz dazu das Verb “velölen” verwenden; auf Deutsch kommt dem sich vom Fahrrad oder Rad ableitenden Verb “radeln” mindestens insofern eine Verkleinerung vor, als “radeln” weniger ernsthaft anmutet, als etwa “mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren”. Wer sich spielerisch, etwa bei der Ausübung einer Ballsportart, mit einem Ball befasst, übt in schweizerdeutschen Dialekten die Tätigkeit des “böllelen” aus. Wer an einer Rechenanlage mit verminderter Zweckgerichtetheit, mit verminderter Konzentration oder auch verminderter Wertschöpfung in nicht weiter spezifizierter Weise fuhrwerkt, der “compüterlet”. Kommt beim schnellen Rennen ein gewisses Körperteil arg in sinusförmige aber in Bezug auf die Amplitude begrenzte und somit einer bezüglich des Bewegungsausschlags Diminution würdige Schwingungen, so spricht man vom “seckeln” oder “secklen”. Spielt ein Kind im Sand, so wird das passende Verb hierzu “sandeln” lauten, wogegen der sachlich-nüchternen Ausschachtung eines Lochs in einem sandigen Untergrund nicht so zu beschreiben ist. Ein Hund, der sich freut, und dementsprechende Schwanzbewegungen ausführt, “schwänzelt”. Bewegt man einen Fächer recht schnell und mit geringem Ausschlag hin und her, so spricht man vom “fächeln”. Wer seine Blase in hygienisch fragwürdiger, bezüglich des entstehenden Geplätschers unachtsamer oder in Bezug auf die Ausdrucksweise deswegen mindestens unterstellt vulgärer Weise entleert, der “pinkelt” oder “pieselt”, wogegen dieses Verb nicht für die diejenige Dame oder Herrn verwendet werden sollte, welche die Blasenentleerung unter vollständiger Berücksichtigung aller Regeln der Schicklichkeit vornimmt. Wer krank zu sein scheint, wer das Kranksein berührt (‘touché’), der “kränkelt”, währenddem dies niemals für jemanden gilt, der einen ausgewachsenen Tumor entfernen lässt oder mit 39.8 Grad Fieber zu Bette liegt. Freut man sich und verleiht diesem Umstand durch eine Anpassung der Gesichtsmuskeln halbwegs Richtung eines Lachens Ausdruck, so spricht man vom “lächeln”.

Alleine diese Aufstellung zeigt, wie sehr uns nicht nur Verben-Diminutionen geläufig sind, sondern wie eigenartig das Auslassen von solchen Diminutionsformen gegenüber nicht verkleinerten Ausdrucksformen sind. “Spielt das Kind im Sand” klingt ungleich gesteltzer als “sandeln”. “Führt ein Hund freudig anmutende Schwanzbewegungen aus” ist ein Satz, der nachgerade Gefühlskälte oder wissenschaftlichen Observatorenstatus vermittelt, währenddem “schwänzeln” dem effektiven Umstand des sich freudig gebärdenden Kaninen gerade so etwa gerecht wird.

Nun ist der Diminutionscharakter dieser Verben an und für sich offensichtlich, auch wenn man sich nicht bewusst darüber Rechenschaft ablegt. Es gibt aber neben der Diminution durch das Suffix eine zweite Form der Diminution, die noch viel bedeutungsgewaltiger, doch gleichzeitig subtiler in ihrem grammatikalischen Ausmass ist.

Zeitlich eingeschränkte Verben und komplexe Diminutionen

Zweckgerichtet und gleichzeitig nicht durch Lächerlichkeit preisgegeben und somit nur schwer als solche erkennbar ist die Abschwächung und Bedeutungsverkleinerung von in Verben gefassten Unternehmungen, indem man entweder die Zeitbedeutung eines Verbs einschränkt, oder es durch eine komplexe Transformation in eine andere Welt spiegelt.

Die zeitliche Einschränkung eines Verbs wird durch Moment-Wörter wie “mal”, “eben mal”, “eben nur”, “kurz”, ausgedrückt, welche somit den Zeitrahmen verkleinern oder durch Loslösung von einem bestimmten, indirekt oder direkt bezeichneten Zeitpunkt unscharf machen (“mal”: aktive Loslösung von “jetzt”, oder “irgendwann”). Diesem wohnt ein Kodierungscharakter inne, ist doch der Zweck dieser verbal ausgedrückten Zeitrahmen-Begrenzung nicht der einer Einschränkung des Zeitrahmens, sondern der eigentlichen Verniedlichung eines Verbs durch faktische Öffnung eines implizit oder explizit vorgegebenen Zeitrahmens.

Daneben verwenden wir als eine weitere sehr interessante Form der Verbenverkleinerung de facto komplexe Diminutivformen. Diese werden durch Transposition des eigentlichen Inhalts in einen anderen Bedeutungsrahmen ausgedrückt und stellen eine eigentliche Kulturmanifestation dar! Streng genommen handelt es sich dabei aber um Diminutive, welche auch die Leichtigkeit des Seins zum Ausdruck bringen sollen (Beispiele: “Computerzugriff” heisst neuerdings “Surfen”; “sich illegale Opiatdrogen intravenös spritzen” heisst “sich einen setzen”).

Aufgrund der Bereiche der Anwendungen solcher, von mir hier nun erstmals konkret beschriebenen Verb-Diminutiven kann man – ganz in Anlehnung an das Diminutivum puerile oder Ammendeutsch (‘a wo issa denn, da bubi, ge schau da, jajaja’) – von einem Diminutivum manageriale, oder auch Diminutivum exorbitale, von einem Neuzeitdiminutiv sprechen, indem gerade unliebsame Überraschungen, besonders schlimme Lebensumstände oder auch unschöne Neuigkeiten herabgebrochen werden, wohl weil man meint, damit sonst nicht umgehen zu können, oder auch, weil gerade unsere Zeit unter einem besonderen Machbarkeitsanspruch bzw. -wahn leidet (Stichwort ist etwa “eben mal zum Mond fliegen”, wie es bereits von einigen wenigen Superreichen praktiziert wird).

Folgende Beispiele sollen verdeutlichen, wie sehr der Unterton eines Satzes in die Verkleinerung schwenkt, wenn man das Verb im Satz “zeitlich begrenzt”:

In der neutralen Formulierung bittet man den Mitarbeiter: “Führen Sie Ihre Ergebnisse vor.” Dagegen wird die Aufforderung “führen Sie doch mal Ihre Ergebnisse vor” ermunternd, einladend und dadurch weniger abschreckend oder bedrohlich. Durch “doch mal” wird ein Element des Vagen und Ungefähren beleuchtet, welches in der neutralen Formulierung fehlt. Verbale Suffixverkleinerung (“führeln Sie das mal vor”) ist dagegen keine Option in der deutschen Sprache.

Sachlich ausgedrückt, könnte man ankündigen: “Ich möchte Ihnen jetzt dies zeigen.” Gerade bei Vielrednerei (etwa, wenn man einen 50-minütigen Vortrag hält, obschon die erlaubte Redezeit gerade mal 20 Minuten wäre) wird die Formulierung “Ich möchte Ihnen jetzt nur noch kurz dies zeigen” nicht etwa dazu verwendet, den wirklich verwendeten Zeitrahmen einzuschränken (denn es wird munter weiter gelabert!), sondern, die Zuhörer durch die versprochene Geringheit des Zuhöraufwandes in ihrer Unruhe (‘hört der denn nie auf?’) zu beruhigen. Die grammatikalische Suffix-Diminutionsform (“zeigeln”) existiert dagegen nicht.

Der recht sachliche Satz “wir haben dies gesagt” stellt ein klares Statement dar. Dagegen bedeutet “wir haben dies “mal” gesagt” unmissverständlich ein Verbannen ehemaliger Inhalte auf einen vergangenen Zeitraum, und damit das Befreien der Gegenwart von der Verben-Wirkung ebendieses Gesagt-habens. In anderen Worten, es wird ausgedrückt “Wir können dann ja nochmal was sagen, und es kann, muss aber nicht, ähnlich oder gleich sein”. Eine eigentlich grammatikalische Suffix-Diminutionsform (z.B. “sageln”) gibt es nicht.

Das Service-Versprechen “Wir schicken Ihnen Frau Müller” wird mit dem Satz “Wir schicken Ihnen mal Frau Müller” nicht etwa zeitlich verkleinert – auch wenn “mal” oder “einmal” soviel heisst, wie “im Gegensatz zu den anderen Malen” -, sondern vielmehr wird zum Beispiel auch zwischen den Zeilen mitgeteilt: “Wenn Sie unzufrieden sind, oder keine Lust haben, mit Frau Müller zu verhandeln, geben Sie doch Bescheid, wir haben ja noch mehr / andere Leute, die wir Ihnen ersatzweise zur Probe schicken können”. Die Würde, die die unverkürzte Form noch besitzt, fehlt der diminuierten Form fast vollständig, der Mensch wird – linguistisch – austauschbar.

Auch die Ankündigung “ich werde es tun” wird, durch die Umformulierung “ich werde es irgendwann tun”, oder noch schlimmer, “ich werde es gelegentlich tun”, fast bedrohlich ungefähr und verliert eindeutig an Verbindlichkeit. Diese Einbusse ist so stark, dass man annehmen könnte, es handele sich bei dieser Formulierung um ein sozial verträglich verklausuliertes “Nein, ich werde es nicht tun”.

Der Satz “Der verheiratete Herr Sauberklang ist seiner Ehefrau treu” ist weder zweideutig noch an Klarheit zu hinterfragen; dagen ist “Der verheiratete Herr Sauberklang ist seiner Ehefrau fast immer treu” durch die zeitliche Einschränkung zugleich Sprengstoff, Dramatik und Tragödie oder Realsatire, denn treu ist eins dieser binären Wörter: treu kann er ja sein, aber wenn er es nicht ist, dann ist er es eben nicht – Ende der Durchsage.

Im Formenkreis der komplexen Diminutivformen werden dann für eine bestimmte, angestrebte Aussage ganz andere Umstände verbalisiert, und dadurch eine Verkleinerung in einem Umfang erzielt, die ihresgleichen sucht. Sagt man noch banal “Markus hat auf seiner Computeranlage ein neues Betriebssystem installiert” und weist somit auf erhebliche Kostenfolgen (Computeranlage!), Sachkenntnisse (Betriebssystem installieren) sowie technische Informiertheit und gewisse Risikobereitschaft (auch noch ein neues, und nicht etwa ein altes) hin, so gehen diese mitschwingenden Bedeutungen dem Satz “Der Küsu hat das Suse 10 auf seine Kiste geschlürft” gänzlich ab. Dadurch entsteht ein ganz aufregender Kontrast, da ja Kostenfolgen, Anforderungen an Sachkenntnisse sowie Anforderungen an die technische Informiertheit immer noch (!) hoch sind. Genauso ist “Surfen” für die komplexen Aktivitäten des Internetnutzens im Grunde der Wortbedeutung ja völliger Blödsinn, wobei ja gerade die Quernutzung auch den Reiz dieses Vokabulars ausmacht. Dasselbe gilt für eine ganze Anzahl von Slangformulierungen aus den verschiedensten Berufsgruppen, bei welchen mitunter hohe Kosten, grosser Bedeutungstiefgang und hohe Kenntnisanforderungen mit der bereichsfremden, oft sehr stark verniedlichenden, verharmlosenden oder verkleinernden Verben- und Substantivwahl kontrastieren.

Schlussbemerkung

Man könnte all dies als billiges Wortgeplänkel abtun, aber das ist es nicht. In unserer Überfluss-, Verteilproblem- und Neidgesellschaft, in der sich viele Leute alleine wegen des sogenannten Lebensstandards über ihre Mittel finanziell und seelisch verausgaben, haben Diminutive nicht viel zu suchen: man “holt sich nicht sein neues Handy”, sondern man “wirft eine enorme Summe Geld für unnötige Technologie” hinaus. Von “sich holen” kann ja dann nicht mehr die Rede sein, wenn man vorher Transaktionen von einer Sorte zu erledigen hat, die bei normalen Menschen die Herzkranzarterien zusammenziehen, den Magen ansäuern, die Atmung flach und schnell werden lassen und die Achsel – und Handschweiss verursachen.

Man muss sich klar werden, dass Dinge beim Namen zu nennen auch bedeutet, eindeutige Sachverhalte glasklar anzusprechen. Nicht “mal anzusprechen”, sondern “anzusprechen”. Dies erfordert heutzutage ein subtiles Sprachverständnis, denn es ist gerade auch beim situativ nicht angepassten Verkleinern, wo Illusion und Realität den ersten Schritt voneinander weg nehmen und man eventuell beginnt, sich zu verrennen.

Online-/Literatur-Referenzen

Bayrische Grammatik

Note: – Praxis Deutsch, Grammatik, Duden, Verkleinerung, Abschwächung, Reduktion, Verniedlichung, Verkindlichung, Diminutiv, Diminution,


Cite this article:
Wolf Schweitzer: swisswuff.ch - Verbale Diminutionen [German language rant]; published 16/08/2006, 14:56; URL: https://www.swisswuff.ch/wordpress/?p=1537.

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