In Zürich kam es kürzlich zu einem ungewöhnlichen Vorfall, der Fragen nach Verantwortlichkeit, Umgangston und kirchlicher katholischer Wertehaltung aufwirft.
Der Ausgangspunkt
Für ein Konzert in einer katholischen Kirche wurden Bänke temporär mit Nummernetiketten versehen, um den Besucherinnen und Besuchern ihre Plätze klar zuzuweisen.
Der Auftrag für das Anbringen der Klebeetiketten an den Bänken kam vom Dirigenten des Chores; zwei freiwillige Helferinnen, Chormitglieder, führten die Nummerierung also im Auftrag aus.
Nach Anbringen der Klebeetiketten war indessen auch noch kein Schaden entstanden. Dies geschah erst darauffolgend.
Der Schaden
Nach dem Konzert wollten offenbar und laut Angabe nicht genannte/nicht genannt sein wollende Angestellte der Kirche die Etiketten wieder entfernen. Dabei gingen sie allerdings offenbar/scheinbar unsachgemäss vor: Holzoberflächen wurden beschädigt, Kleberreste blieben haften. Die Bänke hätten sich im Anschluss in einem “bedauerlichen Zustand” präsentiert.
Die Reaktion der Kirchenverwaltung
Anstatt die Verantwortung bei der eigenen Belegschaft oder in der fehlenden Absprache zu suchen, verfasste die Verwaltung ohne weitere Rücksprache mit den Betroffenen ein offizielles Schreiben an die beiden freiwilligen Helferinnen.
Darin wurde ihnen nahegelegt, sich an einem bestimmten Tag bei einem Hauswart einzufinden, um unter seiner Anleitung die Etikettenreste eigenhändig zu beseitigen. Alternativ drohte man den beiden freiwilligen Helferinnen an, eine externe Firma zu beauftragen und ihnen persönlich die Kosten dafür Rechnung zu stellen. Ob diese Drohung im Kontext dann sogar den Tatbestand der Nötigung erfüllen würde, wäre detaillierter zu prüfen.
Wahrnehmung als Demütigung
Der Hauswart selbst soll den beiden Helferinnen konkret gesagt haben, der eigentliche Zweck dieses Vorgehens sei ihre Bestrafung. Arbeit als Bestrafung zu verwenden ist aber auch eine Erniedrigung.
Damit wurde deutlich, dass es nicht nur um praktische Schadensbehebung ging, sondern um ein ritualisiertes Abwälzen von Schuld und ein Kleinmachen der Freiwilligenarbeit und der beiden Helferinnen, die ja im Auftrage erfolgt war.
Der religiöse Widerspruch
All das scheint unbeachtlich. Wir alle hatten früher auch mal schlechte Lehrer, auch mal etwas unfähiges Verwaltungspersonal, das sich vielleicht gern mal im Ton vergriff, oder auch mal im Umgang eher schwierige Hauswarte. Das alles hat man auszuhalten.
Prickelnd ist hier was anderes, und zwar die geistliche Dimension: während in calvinistischer Tradition Arbeit (vor allem oder sogar nur) dann als gottgefällig gilt, wenn sie entbehrungsreich und mühsam ist, was in diesem Ereignis ein zentrales Element in der Zuschiebung ist, stellt die katholische Soziallehre ein grundsätzlich anderes Fundament bereit. Dokumente wie Laborem exercens (Johannes Paul II.) betonen, dass Arbeit Würde verleihen soll und nicht zur Demütigung oder Strafe missbraucht werden darf:
„… Denn es steht außer Zweifel, dass die menschliche Arbeit ihren ethischen Wert hat, der unmittelbar und direkt mit der Tatsache verbunden ist, dass der, welcher sie ausführt, Person ist, ein mit Bewusstsein und Freiheit ausgestattetes Subjekt, das heißt ein Subjekt, das über sich entscheidet. … Die Würde der Arbeit wurzelt zutiefst nicht in ihrer objektiven, sondern in ihrer subjektiven Dimension. Bei einer solchen Sicht verschwindet geradezu die Grundlage der in der Antike gemachten Einteilung der Menschen in verschiedene Gruppen nach der Art der von ihnen verrichteten Arbeit. Damit soll nicht gesagt sein, dass die menschliche Arbeit, objektiv verstanden, nicht irgendwie bewertet und qualifiziert werden könne oder dürfe, sondern lediglich, dass die erste Grundlage für den Wert der Arbeit der Mensch selbst ist, ihr Subjekt. Hiermit verbindet sich sogleich eine sehr wichtige Schlussfolgerung ethischer Natur: So wahr es auch ist, dass der Mensch zur Arbeit bestimmt und berufen ist, so ist doch in erster Linie die Arbeit für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit. Mit dieser Schlussfolgerung kommt man logisch zur Anerkennung des Vorranges der subjektiven Bedeutung der Arbeit vor der objektiven. Aufgrund dieser Auffassung und vorausgesetzt, dass verschiedene von Menschen verrichtete Arbeiten einen größeren oder geringeren objektiven Wert haben können, geht es uns vor allem darum, deutlich zu machen, dass der Maßstab für jede dieser Arbeiten in erster Linie die Würde ihres Subjekts ist, also der Person, des Menschen, der sie verrichtet. Noch einmal: Unabhängig von der Arbeit, die jeder Mensch verrichtet, und vorausgesetzt, dass diese einen Zweck seines Handelns darstellt – der ihn oft stark engagiert –, ist festzuhalten, dass dieser Zweck für sich allein keine entscheidende Bedeutung besitzt. Zweck der Arbeit, jeder vom Menschen verrichteten Arbeit – gelte sie auch in der allgemeinen Wertschätzung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig monotone, ja als geächtete Arbeit –, bleibt letztlich immer der Mensch selbst.“
Die Zuweisung von “Strafarbeit” widerspricht im Kontext also katholischen Grundsätzen. Sie macht hier die Helferinnen zu Sündenböcken und tritt ihre Würde, und die Würde der Arbeit. mit den Füssen. Der Fall zeigt exemplarisch, wie unbedacht und anscheinend von wenigstens teilweise rachsüchtigen Impulsen getrieben auch eine laut Angabe kirchliche Organisation in Krisen- oder Schadenssituationen versucht, Verantwortlichkeiten abzuwälzen – und dabei vergisst, dass sie unter anderem aber dann vor allem eben ihren eigenen Werten untreu wird. Dabei scheinen mir gerade solche Werte das einzige echte Produkt, der einzige effektive Inhalt, den Kirchen anzubieten haben. Dieses wäre dann das Hauptgeschäft gewesen, hier im christlich katholischen Sinne zuerst die betreffenden Personen zur Andacht und Aussprache zu versammeln. Hier wurde nicht nach einer fairen Lösung gesucht, sondern nach Gesichtsrettung feiger Kanaillen, das dann natürlich auf Kosten von Schwächeren, mit Methoden, die auf eine Wertehaltung schliessen lassen, die nicht nur nicht modern, und nicht säkular, sondern mir auch zutiefst unkatholisch erscheinen: mit Arbeit geht man so ausserhalb eines in heutiger Sicht zutiefst verschrobenen Calvinismus nicht um.
Das ist deswegen interessant, als es ein Zeitzeugnis dafür ist, wenn Kirchenchöre und die katholische Kirche über wie ich selbst finde gut nachvollziehbaren Mitgliederschwund klagen.
Merke also: if you want to hold a man down, you have to stay down with him.