Maturaarbeiten im Kanton Zürich [Nachdenklichkeit]

Vor nicht allzu langer Zeit erhielt ich die Anfrage, ob ich als sog. externer Experte eine Maturaarbeit mitbewerten wolle.

Ich würde mich nicht wundern, wenn die grossartige Idee, Schüler selbständig Blumensträusse an Ideen hinwerkeln zu lassen, grundsätzlich aber nicht mit der Idee zu vereinbaren ist, diese Arbeiten zur Matura hinzuzurechnen.

Selbst würde ich mich eher dagegen wehren, etwas so Kreatives und Schönes wie eine individuelle Projektarbeit unter die Bedingungen einer Matura und unter die Bedingungen der Schulbenotung zu stellen.

Externe – ob man sie Experten nennt oder nicht – wären dann durchaus Teil eines Schöpferischen, wenn Schulprojektarbeiten nicht streng als Maturteil betrachtet würden.

Aber als externe Experten Maturaarbeiten bewerten?

Ich habe mir dann nachdenklich Gedanken zu diesen Fragen gemacht.

Was Diskrepanzen der Benotungen verschiedener Maturaarbeiten angeht

Eine gewisse, offenbar in Lehrerkreisen vage kursierende Angst vor einem Rekurs ist offenbar nicht ganz von der Hand zu weisen. Zunehmend treten Eltern offenbar selbstbewusst an Schulen auf, besonders, wenn die Kinder schlechte Noten bekommen. Dabei bestehen offenbar nachvollziehbarerweise grosse Unsicherheiten und auch wenigstens gelegentlich grosse Diskrepanzen bei den technisch wohl sehr schwierigen Benotungen von Maturaarbeiten.

Diese Schwierigkeiten haben offenbar besonders mit der sehr freien Wahl von Thema, mit  der sehr freien Interpretation und mit der vielgestaltigen Ausführung zu tun. Dass Schüler anspruchsvolle Themen wählen, in die sich die Bewerter auch erst einlesen müssen, macht die ganze Sache weiter spannend, aber aufwendig.

Dagegen wäre man vermutlich gesamthaft an Kantonsschulen gehalten, sinngemäss nach der Bundesordnung für Maturprüfungen ein einheitliches Vorgehen bei der Bewertung der Pruefungsleistungen anzustreben (VO ueber die schweizerische Maturapruefung Art. 11). Dies trifft in meiner Lesart umso mehr zu, da auch Maturaarbeiten ins selbe zielen – wie der Wortteil “Matura” in “Maturaarbeit” nahelegt.

Sind Maturaarbeiten in der Stellung, die sie an Kantonsschulen heute haben, somit überhaupt gesetzeskonform? Besonders, wenn ihre Bewertung als Zulassung oder Teil der Maturnote betrachtet wird?

Maturaarbeiten sind ja bereits von Beginn weg das exakte Gegenteil jeder Einheitlichkeit. Und das sorgt offenbar für relativ grosse technische Probleme.

Gerade bei der thematischen Vielfalt und noch weiter vielgestaltigen Ausführungsbreite der fertigen Maturararbeiten soll es auch schon zu völlig uneinheitlicher Bewertungen dreier dieselbe Arbeit benotender Lehrer oder zu Streitereien mit externen Experten zur Frage der Benotung gekommen sein – ein klares Gerücht, sicher, ohne dass ich hierfür eine Quelle angeben könnte. Aber vielleicht erkennt sich der eine oder andere Leser doch darin wieder.

So dass sich mir die Frage stellt, ob bereits aus Abstand ohne Betrachtung konkreter Beispiele die Uneinheitlichkeit der Bewertungen von Maturaarbeiten systematisch und regelhaft derart gross ist, dass die Maturaarbeiten entweder gar nicht zu benoten wären, oder dann spezifische Vorgehensweisen für eine möglichst gute Vereinheitlichung anzustreben sei, unter anderem da dies ja vorgeschrieben ist.

Sicher könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass Maturaarbeiten nicht expliziter Teil der eidgenössischen Maturaprüfungen sind, obschon sie so heissen und relativ stark gewichtet werden was die Note angeht – dann aber wäre aber die Anforderung der Einheitlichkeit in der Bewertung sinngemäss anzuwenden, da er offenbar dem Gesetzgeber so wichtig war, dass er für die übrigen Maturprüfungen explizit vorgeschrieben wurde.

http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19983437/index.html

Was die Teilnahme externer Personen an Schülerbewertungen angeht

Die Benotung ist, wie ich denke, ausgesprochenes, explizit deklariertes Lehrer-Geschäft. Niemals sollten Eltern, Coiffeure, Mediziner, Taxifahrer oder andere Berufsleute mitbenoten, oder mitbenoten dürfen (ausser sie sind als Mittelschullehrer zugelassen und tätig).

Ich habe da gelesen, dass es vordringlich, insbesondere oder ganz besonders und explizit die Lehrer sind (und niemals Externe ohne jede formale Zulassung für Lehre etc. an Kantonsschulen), welchen gesetzlich die Aufgabe zukommt, Schüler zu benoten und beurteilen, wie es nun eben auch im besonderem Masse in Art. 10 und Art. 11 des kantonalzürcherischen Mittelschulgesetzes steht.

http://www2.zhlex.zh.ch/appl/zhlex_r.nsf/0/40F83A3691A48A0CC12571B00043704C/$file/413.21_13.6.99_54.pdf

Nirgendwo ist es nach diesem Text vorgesehen, das Externe – etwa externe Experten, Eltern, Besucher, Fussballspieler, Coiffeure (unbeachtet ihrer Berufskenntnisse) – Schueler benoten oder mitbenoten.

Man würde also mittelschultechnisch dieses Gesetz umgehen, zöge man einfach externe Personen bei. Dass “externe Experten” dennoch offenbar (und entgegen der gesetzlichen Grundlagen) im Schulalltag rekurs-mindernd wirken, haette dann wohl doch eher nicht rechtliche Gruende, so dass zu vermuten wäre, dass deren Anwesenheit Rekurse “abschreckt”. Ebenso wie beim Rechtsvortritt ein grosses Auto den Fahrer des Kleinwagens wirkungsvoll davon abhält, seinen Vortritt zu beanspruchen, unbeachtet der genauen Rechts/Links-Konfiguration. Aber ist Einschüchterung ein Mittel, das Mittelschulen wählen sollten?

Praktische Überlegungen

Praktisch gesehen ist es sehr einfach.

Gute Noten sind absolut problemlos: Wenn alle Schüler eine übereinstimmende und unbestrittene akzeptable oder gute bis sehr gute Note zwischen 4,5 und 6 bekommen, wäre die Mitbenotung durch externe Personen Zeitverschwendung – was die Note angeht. Für solche guten Arbeiten sind “externe Experten” mit 250.- Fr. auch ein bisschen eine Geldverschwendung.

Schlechte Noten sind aber hochproblematisch: die Lehrer zögen externe Personen dann wohl nicht wegen guten Noten bei, sondern da sie bei ungenügender oder schlechter Benotung “abgesichert” sein wollten. Wer wären wir aber, wenn wir gegen einen Schüler bei anscheinendem Versagen fachgenügender Darstellung eines auch / sogar für gestandene Berufsleute relativ komplexen Forschungs-, Entwicklungs- oder Anwendungsbereichs den “ersten Stein” werfen wollten? Worauf würde sich das dann rechtlich genau stützen? Wäre eine solche schlechte externe Bewertung für das Fortbestehen der Matura als Hochschulzulassung unbedingt notwendig, wo doch überdies für jede Maturaarbeit andere externe Personen beigezogen würden, was die Benotungen über alle Massen verzerren und un-einheitlich machen würde? Was, wenn eine Maturarbeit unter einem Gesichtspunkt, unter einer bestimmten Expertensicht, schlecht, unter anderer Expertensicht aber hervorragend ist? Wo und wie ist das Beurteilungsverfahren fair, ausgewogen, transparent und nachvollziehbar ausformuliert, zugrundgelegt und gestaltet? Wie sieht es mit den Experten bei Rekursen genau aus? Gibt es auch eine Trennung zwischen “Zeuge” und “Sachverständigem” – was, wenn der Experte die Arbeit nicht nur betreut (“Zeuge”) sondern auch beurteilt (“Sachverständiger”)? Wie weit sind wir als Gesellschaft darin, diese Verbindung von Blick, Rolle, Involvierung, Einbindung, Problematik und Schicksalshaftigkeit im gesamten Umfang bewerten zu wollen? Welcher narzisstisch gekränkte Experte würde eine ansonsten akzeptable Arbeit nicht wenigstens ein bisschen abwerten wollen? Welche didaktischen Fähigkeiten sind daher zwingend vorauszusetzen, um hier die für Maturbenotungen relevanten Umstände zu schaffen? 

Meine Schlussfolgerung ist, dass externe Personen vielleicht eher nicht an die Bewertung von Maturaarbeiten gehören. Deren Stellenwert innerhalb der eidgenössischen Matur scheint mir nicht ganz so klar und sicher.

Wenn Universitäten in die Mittelschulen drängen, um dort mit “externen Experten” aufzuschlagen, so wäre dies eine Tätigkeit ausserhalb des angestammten Gebiets.

Selbstverständlich haben Hochschulen echtes Interesse an möglichst guter Mittelschulbildung – völlig klar. Und dass es solche Personen gibt, die da gerne Mitspracherecht hätten, ist unbestritten. Aber ob man es ihnen bei der Bewertung von Maturaarbeiten auch zugestehen und geben sollte, fragt sich – eben auch deswegen, weil sich der Gesetzgeber offenbar etwas bei den oben angeführten Gesetzesgrundlagen gedacht hat.

Eher sollte meiner Meinung nach auf harte Kompetenzen, Skills und vereinheitlichter Prüfungskultur mit fairer Vergleichbarkeit hingearbeitet werden, soweit die Matura betroffen ist.

Was meine Vorschläge zur Verbesserung der Situation angeht

Dem Gremium in den Kantonsschulen, das die Strategien für Maturaarbeiten definiert, würde ich raten, dringend Einheitlichkeit bei Maturaarbeiten anzustreben und entsprechende Massnahmen durchzusetzen:

  • es sollte ein Panel oder eine Gruppe von mehreren, vielleicht 4-5 Lehrern gebildet werden, das sämtliche Maturararbeiten der Schule in einer Periode benotet; somit besteht trotz thematischer Vielfalt dann eine personelle Einheitlichkeit auf Bewerterseite; externe Personen bei der Benotung nur einzelner Arbeiten (und dann auch noch aus unterschiedlichen Berufsbereichen) sollten unbedingt gemieden werden;
  • wenn Lehrer inhaltliche oder praktische Fragen haben, die sie an der Beurteilung einer Arbeit hätten, so wäre es an ihnen, sich die entsprechenden Informationen durch einschlägige Fachliteratur, Rücksprache mit Fach- oder Berufsleuten, oder anderweitig selbst anzueignen;
  • es sind sehr klare, sehr prüfbare / messbare / beurteilbare Kriterien für die Noten zu formulieren, und diese sind vorgängig bekannt zu machen, so dass der Benotungsschlüssel einsehbar ist.

Literatur

http://www.educ.ethz.ch/hsgym/HSGYM_langfassung_kl.pdf


Cite this article:
Wolf Schweitzer: swisswuff.ch - Maturaarbeiten im Kanton Zürich [Nachdenklichkeit]; published 09/10/2013, 17:18; URL: https://www.swisswuff.ch/wordpress/?p=475.

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