Über das Design und Aussehen der Armprothese

Beim Aussehen geht es um Starren, Ansehen, es geht in zweiter Linie um territoriale Ansprüche, und dann um intuitive Kompetenzeinschätzung.

Die rote Farbe (oder anderes was klar auffällt) soll erstens etwas sein, das kein Abbild sonst wo hat. Ich will etwas am Arm haben, das Leute nirgends einordnen. Also es soll nicht aussehen wie ein Klavier, Holzschrank, oder wie eine Zahnbürste - sondern ungewohnt und nicht einordenbar. Dadurch ist klar, jeder der das sieht, das ist SO anders, das erschliesst sich erstmal NICHT. Es gibt denn auch nichts zu erschliessen, die von mir gewählte Designsprache ist äusserst laut, aber extrem einfach.

Zweitens muss die Erscheinung extrem einfach sein. Also mit einem Blick erfassbar. Kein Kleber, Aufkleber, Muster, kein Comic, kein Symbol, nichts. Einfach ein roter (oder andersfarbiger) Arm, der klar aussieht wie ein Ersatzteil. Mit einem einzigen Blick ist damit jedem klar - das ist eine Prothese.

Dann gibts da nichts visuell zu suchen. Hat man ein naturähnliches Ding an, die Leute mühen sich instinktiv ab um die 1000 Unterschiede zu sehen. Sie bleiben mit den Augen geradezu an der Prothese kleben. Das ist für sie auch sehr anstrengend. Dagegen ist ein roter Arm äusserst entspannend. Denn wie gesagt, 1 einziger Blick reicht. Die Situation ist schwierig genug, aber das erleichtert extrem viel.

Dann wird ja auch erstmal aus Lust geglotzt und vor allem deswegen, weil Leute sich dabei unerwischt wähnen. Sieht die Prothese hautfarben aus, wird - gehst Du in die Cafeteria etwa - munter mal losgestarrt. Jeder dreht den Löffel in seinem Kaffee und schaut her. Dabei halten sie das für ein Privatvergnügen. Andere Anstarren ist aber sozial ein No Go - und als ich einmal verschieden Glotzer, die da viertelstundenweise gafften, miteinander zu vernetzen indem ich zwischen ihnen hin und her sah, wurden sie einander gewahr und begannen sich (was man ihren Blicken ansah) sich gegenseitig zu betrachten. Sie hörten dann auch schlagartig damit auf, mich anzustarren. Die Annahme aber, die sie zunächst getroffen haben müssen, war "die hautfarbene Prothese sieht so echt aus, das sieht bestimmt sonst niemand ausser ich".

Und diese Annahme kann mit einem knallroten Arm KEINER machen. Jeder, der was knallrotes anstarrt, muss damit rechnen, dass jeder im Raum sofort weiss, was er anschaut und da Starren und Anglotzen an sich ein stigmatisiertes Verhalten ist, bremsen sich damit die Klasse der Glotzer gegenseitig aus. Es ist visuelles Judo, gegen das Angeglotzt werden einen wirklich einfarbig roten Arm zu tragen. Am Anfang traut man sich kaum, aber es ist mit Abstand die leistungsfähigste Antiglotzwaffe die ich je anhatte. Damit ist es auch ein Eigenraum-bestimmendes Element.

Und dann ist es unglaublich unverschämt und stark als Auftritt. Es setzt einen völlig eindeutigen Massstab. Es sagt auch: hier wird verstanden wie das ankommt. Obschon ich stets dasselbe technische Modell Armprothese anhatte, oder sagen wir in von aussen kaum erkennbar variierter Weise ähnliches Zeugs, hörten etwa Kassierinnen an Kassen schlagartig damit auf, mir ungefragt Sachen in die Tüten einzupacken als ich anfing, rote (wie auch andere optisch recht laute) Arme und Hände anzuziehen. Hat man einen roten Arm an, trauen die einem auch mehr zu.
Hier eine kurze Uebersicht über die Frage, wieso es einen bei hautfarbenen Prothesen ev. etwas schaudert und meine eigenen Versuche seit ca. 2009:

https://www.swisswuff.ch/tech/?p=2268

Auch weiss / halbdurchsichtig ist ganz gut:

https://www.swisswuff.ch/tech/?p=1601

Cite this article:
Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Über das Design und Aussehen der Armprothese; published October 6, 2014, 19:32; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=3497.

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