Idiotische Medienberichterstattung ueber Armprothesen [immer aufpassen, ja]

Ueblicherweise werden die Medien das reflektieren, was die Gesellschaft an Wahrnehmung gerade noch so zustandebringt. Und bei Armprothesen ist dies wenig beeindruckend oder dann meist laecherlich.

Das heisst nicht, dass wir das hinnehmen muessen. Wir wollen daher die einzelnen Gehversuche in der Medienverzerrung aufzeigen und diskutieren.

Ersatzbeine fuers Auge (Tagesanzeiger, Zuerich)

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Ersatzbeine-fuers-Auge/story/27548875

Autor: Boris Müller

Datum: 6. November 2013

Inhalt

"Holzbeine und Hakenhände, wie man sie aus Piratenfilmen kennt, muss heutzutage glücklicherweise kaum jemand mehr tragen. Dank grosser Fortschritte in der Prothesentechnologie können sich Menschen mit fehlenden Gliedmassen praktisch unbehindert fortbewegen und sogar Spitzensport betreiben."

Tatsache

Hooks wie V2P Prehensor oder Hosmer-Hooks sind mit etwas vom brauchbarsten und haltbarsten, was man fuer Gartenarbeit, Hausarbeit, oder das Durchfuehren schwerer oder sehr schwerer Arbeiten bekommen kann.

Belastbarkeit im Bereich 15 Kilogramm und mehr bedeutet auch ganz massgeblich, dass die Schafttechnologie stimmt. Und das hat mit der Frage, ob man einen Hook oder eine Hand als Greifwerkzeug dranmacht, nichts zu tun.

Umgekehrt sind auch die teuren, kaum brauchbaren elektrischen neuzeitlichen Haende vergleichsweise sehr langsam, deutlich schwerer und insgesamt minimal belastbar, wogegen ihre Kosten im Bereich von 2-3 Kleinwagen liegen. Wer also hier den Funktionsgedanken auch nur im Ansatz hegt, belegt fehlende Sachkenntnis.

Wer das Wort Spitzensport verwendet, redet bei Armamputation nicht ueber Prothesen. Schwimmsport etwa verwendet keine Armprothesen.

Das Erwaehnen von Piraten und Hooks im gleichen Satz ist ein dummbloedes, abgeschmacktes und daher idiotisches Stereotyp. Vermutlich hat der Journalist, der es aufschrieb, dabei filterlose Gauloises geraucht und war mit 2 Gewichtspromille nach der vierten Rotweinflasche auch schon etwas aufgedunsen. In anderen Worten: wer Stereotypien ueber andere Leute bedient, wird dies auch mit sich machen lassen.

Bewertung

  • Sachkenntnis: 0/5.
  • Unterhaltungswert: 0/5.
  • Stereotypefalle (reingetappt): 5/5.

 


Hightech-Armprothese - Nicht nur optisch nahe an der Hand (Schweizer Fernsehen)

Quelle: http://www.srf.ch/gesundheit/koerper/hightech-armprothese-nicht-nur-optisch-nahe-an-der-hand

Autor: Helwi Braunmiller

Datum: Montag, 16. Januar 2012, 13:10 Uhr

Umgang mit Kritik

Ich hatte diesen SF-Beitrag bereits damals kritisch online kommentiert. Inzwischen wurde mein Kommentar dort geloescht. Der SF-Beitrag bleibt aber dennoch schlecht.

Becker-Haende sind eine echte Option im Vergleich zur Otto Bock Michelangelo. Sie kosten 350 bis 650 Franken, haben einen adaptiven Griff, sind relativ leicht und sehr zuverlaessig und sehen gut aus. Sie koennen mit kosmetischen oder Arbeitshandschuhen getragen werden.

Inhalt

a) "Hirnimpulse werden von Elektroden aufgenommen".

b) "Die Technik setzt auf die verbliebenen Muskeln – und darauf, dass das Gehirn weiterhin die Information gespeichert behält, wie sich die Hand vor der Amputation bewegen liess."

c) "Auch die Optik und Beweglichkeit kommen der Natur sehr nahe"

d) "In der 50er-Jahren kamen die fremdkraftbetriebenen Prothesen auf – neue Hoffnung keimte auf, die jedoch bald getrübt wurde: Auch sie können die Funktionalität der gesunden Hand nicht komplett ersetzen. Immerhin: Die «Michelangelo»-Hand kommt diesem Ideal einen Schritt näher, auch wenn sie ihren Preis hat: Gut 50‘000 Franken."

e) "Doch erst die vielen Kriegsversehrten des Ersten und Zweiten Weltkriegs zwangen zu innovativeren Lösungen als den Seemanns-Haken."

Tatsache

a) Die Elektroden liegen auf dem Armstumpf. Sofern also das Gehirn nicht im Arm getragen wird, nehmen diese Elektroden auch keine Hirnstroeme auf. Das scheint sehr sehr schwer verstaendlich zu sein. Journalisten jedenfalls tun sich mit diesem Konzept offenbar irre schwer. Das Gehirn ist im Kopf, und wenn man dort etwas ableiten will, muss man am Kopf etwas vornehmen. Irgendwann schreibe ich vielleicht mal ein Buch, Anatomie fuer Journalisten.

b) Die Technik setzt auf ganz simple krude Muskelaktivaet. Die Streckmuskeln am Unterarm werden fuer das Oeffnen, die Beugemuskeln fuers Schliessen der Prothese verwendet. Das ist oft schwer zu lernen, denn es entspricht nicht direkt dem, was man vorher mit der Hand gemacht hat. Daher dauert es auch etwa 2-3 Jahre, bis man das einigermassen beherrscht. Bis dann faellt einem recht oft etwas aus der Hand. Dagegen sind mechanische Prothesen - Hooks, Haende - besser, was  das angeht, aber das will keiner der Presse hoeren.

c) Die Optik kommt der Natur nicht "sehr" nahe. Die Optik ist weit weg davon. Wenn aber etwas die Optik ausmacht, dann nicht so sehr das Prothesengrundmodell, sondern der bemalte und ausgeschmueckte Silikonhandschuh, der als "Kosmetik" verwendet wird. Bewegung und Laerm der Prothesen sind derart weit weg von irgendeiner Natur, dass die Natur nicht "sehr" nachempfunden ist.

d) Die Michelangelohand liegt eher bei 90'000 Franken.

e) Seemanshaken-Referenz. Kein Artikel ueber Armprothesen ohne Referenz zum Piratenhaken. Das gibt sowas von Abzug.

Bewertung

  • Bedienung der Piratenhakenreferenz: 0/5.
  • Technische Korrektheit: 1/5.
  • Unterhaltungswert: 0/5.

 

Armprothese mit Gedankensteuerung (Spiegel)

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-66208578.html

Autor: keine Angabe

Datum: 27.7.2009

Inhalt

"Ein künstlicher Arm, der sich intuitiv bewegen lässt fast wie ein echter, entsteht in den Labors der Duderstädter Prothesenfirma Otto Bock. "

"Gesteuert wird der Arm mit Gedankenkraft - eingepflanzte Elektroden nehmen dafür spezielle Muskelimpulse des Invaliden aus der Brustgegend auf."

Tatsache

Eine Armprothese ist dann fast wie ein echter Arm, wenn der Begriff der Bionik angenaehert wird. Bei aller Liebe zur detaillierten Zerlegung dieses hier voellig fehlplatzierten Begriffs - das geht zu weit. Fast echt zu bewegen ist der Arm dann, wenn man fast eine Klaviersonate damit spielen kann. Davon sind wir Lichtjahre weg. Also darf man es auch schreiben: davon. sind. wir. Lichtjahre. weg.

Die Steuerung ist dementsprechend genausowenig "Gedankenkraft" wie es "Gedankenkraft" ist, wenn ein Journalist eine Latrine graebt: vielmehr spricht man dann richtigerweise von Muskelschmalz.

Bewertung

  • Unterhaltungswert: 0/5.
  • Technisch richtig: 1/5.
  • Bionik richtig verstanden: 0/5.

 

Bionik - - Mann ohne Arme steuert Prothese mit Gedanken

Quelle: http://www.faz.net/multimedia/videos/video-nachrichten/bionik-mann-ohne-arme-steuert-prothese-mit-gedanken-1325367.html

Autor: keine Angabe.

Datum: 9.1.2006

Inhalt

"Der "erste bionische Mann der Welt" kommt aus Chicago: Der amerikanische Patient Jesse Sullivan hat eine Armprothese erhalten, die er tatsächlich mit seinen Gedanken lenkt."

Tatsache

Mit seinen Gedanken steuert Jesse Sullivan nichts. Myoelektrik funktioniert anders. Nach Targeted Reinnervation verwendet er myoelektrische Technologie. Da es in diesen Artikeln nur um Technologie geht, sollte diese korrekt erklaert werden.

Bewertung

  • Richtigkeit technisch: 0/5.
  • Unterhaltungswert: 0/5.

 

Cite this article:
Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Idiotische Medienberichterstattung ueber Armprothesen [immer aufpassen, ja]; published November 8, 2013, 06:05; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=2251.

BibTeX: @MISC{schweitzer_wolf_1582458566, author = {Wolf Schweitzer}, title = {{Technical Below Elbow Amputee Issues - Idiotische Medienberichterstattung ueber Armprothesen [immer aufpassen, ja]}}, month = {November},year = {2013}, url = {https://www.swisswuff.ch/tech/?p=2251}}