Gedankengesteuerte Armprothese von Otto Bock: die Michelangelo-Hand [Medien-Hysterie]

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Wie immer: Nichtbehinderte verfallen immer wieder in eine Art Hysterie beim Thema Prothesentechnik, und die kann blind machen

Von Nichtbehinderten wissen wir, dass sie mitunter bei Kontakt mit Behinderten eine sie selbst blind machende Hysterie, einen gestressten Eifer an den Tag legen.

Ein Problem koennte sein, dass unser Comme-il-faut, unser Benimm-Buch, der Umgangs-Kodex unserer Gesellschaft, keine wirklichen Regeln fuer den Umgang mit Behinderungen vorsieht. Es ist daher Vorsicht, Mut und Improvisationstalent gefragt. Das ist aber nicht allen Leuten gegeben. Das Fehlen derartiger Hilfestellungen koennte dann dazu fuehren, dass Nichtbehinderte, die mit diesen etwas unklaren Situationen ueberfordert sind, auf gelegentlich durchaus stereotype Weise reagieren.

Auch Journalisten haben solche Reaktionen. Die Gesellschaft insgesamt 'kennt' dann die Darbieter des Wunderglaubens, man sei 'da' (mit verheissungsvollem Blick auf den Armstumpf) schon 'sehr weit' - etwa Otto Bock oder Touchbionics.

Da geben sich diese Firmen echte Muehe, aus etwas Plastik und Elektrik Dinge fuer einen tausendfachen Preis als "bionische Prothese" zu verkaufen. Versicherungen sind verunsichert ;) und die Hersteller wittern extreme Renditen. Aber wer ihnen auf den Leim geht, ist selbst schuld: Medienhypes sind nicht neu. Und sie sind als schaedlich zu betrachten.

Und jetzt heisst es, die Michelangelo-Hand sei 'gedankengesteuert'. So ... mal wieder ein hysterischer Tag?

Was, die Michelangelo-Hand ist doch nicht gedankengesteuert?

Jedenfalls wird die Otto Bock Michelangelo-Hand als 'gedankengesteuert' hingestellt:

  • MyHandicap-Artikel: "Sehr anschaulich führt der Michelangelo-Handträger vor, wie er mit der gedankengesteuerten Armprothese eine Banane schält und fragile Gläser hochhebt."
  • BEKO Pressemeldung: "Wien (pts/06.05.2008/10:02) -Eine sensationelle Neuentwicklung im Bereich der Medizintechnik kommt aus Wien: Otto Bock entwickelt eine gedankengesteuerte Arm-Prothese, die im November 2007 das erste Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. "

Dabei ist nichts noch weiter von der technischen Korrektheit, von der Wahrheit, von der Funktionsweise weg als diese Unwahrheiten. Das ist so vollkommen falsch.

Wie ist die Michelangelo-Hand denn wirklich gesteuert?

  • Man muss zuerst das Hirn einschalten.
  • Dann wir ein Nerv aktiviert.
  • Dann wird am Armstumpf ein Muskel kontrahiert.
  • Dann wird ein Strom in dem Muskel ausgeloest.
  • Laengere Zeit spaeter, wenn der Strom unter der Haut eine Spannung aufgebaut hat, wird eine darueber platzierte Elektrodenschaltung - weswegen man das auch myoelektrische Elektrode nennt - mit satter Zeitverzoegerug und durchaus anfaellig fuer allerlei Stoerungen und Interferenzen - irgendwann diese Kontraktion erkennen.
  • Mit etwa 1/4 bis 1/2 Sekunde Verzoegerung wird dann der Motor in der Prothese zu quietschen beginnen.
  • Dieses System myoelektrischer Prothesen ist uebrigens uralt.
  • Lassen Sie sich nichts vormachen - das ist Technologie aus den Fuenfzigerjahen.
  • Das ist nicht modern.
  • Und das, genau das, das hat Otto Bock in die Michelangelohand eingebaut.
  • Daher ist die genauso gedankengesteuert wie der Muellsack in ihrer Kueche.
  • Naemlich gar nicht.

Warum sollte man Prothesen richtig beschreiben, wenn man ueber sie berichtet?

Die Gefahr liegt wie immer darin, dass man der Oeffentlichkeit Dinge vorgaukelt, die nicht stimmen. Den Kuerzeren ziehen Behinderte.

  • Es wird unterstellt, Otto Bock beherrsche High-Tech fuer Armamputierte. Auch werben sie mit dem Slogan 'Quality for Life'. Wahr ist nicht nur, dass es nicht nur mit der Myoelektrik hapert, sondern bittererweise auch, dass Otto Bock nicht einmal Teile fuer kabelgesteuerte Armprothesen so hinbekommt, dass sie halbwegs haltbar sind. Irgendeine Art der besonderen Technologievermutung ist bei dieser Firma ohne anderslautende, genaue und profunde Pruefung vermutlich fehlplatziert.
  • Es wird unterstellt, Otto Bock verkaufe effektiv gedankengesteuerte Prothesentechnologie. Das ist gelogen. Wie funktioniert nun aber die Michelangelohand? Genauso wie die Quakmotoerchen irgendeiner anderen Handprothese. Da hat Otto Bock genau und exakt nichts neu gemacht.

Und an was erkennt man Gedankensteuerung?

Natuerlich wollen jetzt alle wissen, wie Gedankensteuerung wirklich aussieht. Nun, ganz anders, wie oft, wenn da etwas falsches herumposaunt wird. Zum Beispiel etwa so naemlich:

(Bild EMOTIV)

Cite this article:
Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Gedankengesteuerte Armprothese von Otto Bock: die Michelangelo-Hand [Medien-Hysterie]; published May 16, 2010, 21:46; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=308.

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