Armprothese, orthopaedische Hilfsmittel und Import [Schweiz, Importbestimmungen, IV]

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Aktuell werden in der Schweiz Bauteile fuer Armprothesen - Prothesen-Haende, Hooks, Kabel, Ersatzteile, Liner, Silikonliner, kosmetische Handschuhe, etc. - sowie weitere Produkte wie Stumpfsocken ueber sehr teure Firmenkanaele vertrieben. Auch Versuche, Prothesen in der Schweiz selbst zu bauen (z.B. Firma Swiss Prosthetics) sind nicht viel billiger: zwar kostet dort ein Teil etwas weniger, ist aber auch weniger haltbar oder brauchbar.

Sicher besteht ein gewisses Interesse daran, offenzulegen, wie *ganz genau* in der Schweiz die Abklaerung und Bewilligung fuer Armprothesen laeuft. Dies besonders, da in letzter Zeit sogenannte "bionische" Protheseb oder auch Freizeit-Ausruestungen erhaeltlich geworden sind, die im Preis irgendwo zwischen teuer und absolut irrsinnig angesiedelt sind. Sicher liesse sich so eine Frage wohl irgendwie beantworten, aber dies ist ein Artikel zu einem anderen Thema. Derzeit ist vor allem von oeffentlichem Interesse, wie genau der Import von Prothesenteilen vonstatten geht bzw. gehen sollte.

Es ist als Endkunde daher praktisch derzeit kaum moeglich, Produkte ausserhalb der Orthopaedietechnik zu beziehen. Orthopaedietechniker werden von Herstellern und Wiederverkaeufern naemlich permanent als Endverkaeufer angegeben, als diejenigen Leute, an die ich - als Behinderter - mich zu wenden habe.

Da die Invalidenversicherung (IV) lediglich einen bestimmten - einfachen und zweckdienlichen, meist berufstaetigkeits-bezogenen - Anteil der orthopaedischen und prothetischen Hilfsmittel und Massnahmen bezahlt, bezahle ich als Kunde den Rest meines Bedarfs. Dazu gehoeren etwa Baumwollstumpfsocken, weitere Prothesenteile fuer Sport und Freizeit, und so weiter.

Vom Hersteller in die Schweiz werden bei jedem der Zwischenhaendler meist recht unverschaemte Margen draufgeschlagen, die von der IV oder mir als Endkunden letztlich mitbezahlt werden. Dabei unterliegen diese Produkte in der Schweiz keinerlei weiteren Pruefung oder Qualitaetskontrolle. Das merkt man auch, die Liste von klar erkennbaren Maengeln ist umfangreich. Es erfolgt also ein umfangreiches Mitverdienen an Produkten, deren Mehrwert oder Qualitaet dadurch keineswegs steigt.

Das Zeug ist vielmehr oft wirklich schweinebillig gemacht. Dem gegenueber steht der vorgeschobene Anspruch, dass es sich um Ersatzkoerperteile handeln soll - was aber weder aufgrund der Konstruktionen, den Fertigungsqualitaeten, oder den Regulierungen begruendet ist. Es handelt sich also um reine Einbildung. Wirklich ist z.B. eine Kosmetikhand allerbilligster Biegedraht und Montageschaum.

Da Abhaengigkeiten und Versicherungs-Situationen ausgenutzt werden, sind diese Firmen eigentliche Sozialschmarotzer.

Der Preisueberwacher der Schweiz interessiert sich fuer dieses Thema nicht. Man wird an die IV verwiesen. Die zustaendige Auskunftsperson bei der Hilfsmittelabteilung des Bundesamts fuer Sozialversicherungen (BSV) bestaetigt, dass diese Produkte in der Schweiz nicht reguliert sind, und dass ihr Handel vergleichbar mit T-Shirts oder Socken ist.

Das heisst aber auch, dass - spaetestens seit August 2009 - keine Firma mir, oder jedem Orthopaedietechniker, oder sonst jemandem, verbieten darf, vom Ausland parallel in die Schweiz zu importieren.

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=0fc13161-b4eb-4ac8-a7c7-621974ccab1a;did=d-a57e717f-6566-471e-bab4-53012efb2e3e

Bei der WeKo ist die Sache klar: in einer analogen Situation, wo Nikon Parallelimporte zu vereiteln versuchte, musste diese Firma 5 Millionen CHF Busse bezahlen.

Das bedeutet konkret folgendes:

1) Parallelimporte

Seit August 2009 ist in der Schweiz das Unterdruecken von Parallelimporten - etwa durch das Aufziehen von exklusiven Verkaufskanaelen - verboten.

Die Firma Medi GmbH (Deutschland) teilte mir klar und deutlich telefonisch mit, ich (Wohnort in der Schweiz) koenne ihr Produkt (Umbrellan Stumpfsocke) nur bei Atlas Medical (Volketswil, Schweiz) beziehen. Damit handelt die Firma Medi GmbH (Deutschland) nach meiner Einschaetzung klar widerrechtlich.

Die Firma Strack AG (Schaffhausen) verweist mich fuer den Bezug ihrer Otto Bock Stumpfsocken an die Orthopaedietechnik als Verkaeufer fuer den Endkunden. Das halte ich fuer unerlaubte Diskriminierung.

Der Hersteller TRS Inc. in den USA teilte mir bei dem Versuch, einen Adult Grip Prehensor zu bestellen, mit, dass ich mich an Centri (Schweden) zu wenden habe, die wiederum mich an eine Firma Frey Orthopaedie-Bedarf AG in der Schweiz wiesen, wo das Produkt, das kaum mehr als 500 CHF wert sein duerfte, fuer etwa 2500 CHF im Angebot ist. Das ist nicht nur stark ueberteuert - diese Art, mich die Geldwegfresskette hoch zu schicken, ist in der Schweiz nicht erlaubt. Es ist sicher richtig, mich auf die Moeglichkeit des Einkaufs bei einer Schweizer Firma hinzuweisen, aber nicht, mir den Direktimport zu verweigern. Das Produkt selbst weist keinerlei bindende Pruef- oder Qualitaetscharakteristika auf, welche die Einschraenkung des Handels auf einen derartigen Importkanal rechtfertigen.

2) Preise und Qualitaet

Otto Bock bedruckt ihren Movohook 2Grip mit dem Label "CE" um damit zu suggerieren, es sei "CE-konform". In ihrer Produktedeklaration beschreiben sie das Hook-Gelenk als service-/wartungsfrei. Es wackelt nach 3-4 Monaten derart stark, dass die Greifer um 5 mm verschieben, da es ein billiges Plastikscheibchen enthaelt, welches natuerlich beschaedigt wird. Dies ist ganz sicher kein wartungsfreies Gelenk. Die IV-Hilfsmittelabteilung weiss das, und teilt mir mit, dass das Label "CE-konform" grundsaetzlich nutzlos sei fuer den Kunden. Sie teilen mir mit, dass ich handelsrechtlich direkt vom Hersteller importieren koenne und dass sie lediglich technische Einwaende haetten indem sie der Ansicht sind, die Passteile muessten optimalerweise kompatibel sein. Es ist also nicht so, dass die IV den Kauf, Import oder Verkaufskanal von Prothesenteilen limitiert oder einschraenkt, oder ihn auf einzelne Firmen festlegt. Das wird behauptet, ist aber nicht so.

Des weiteren verkaufte der Orthopaedietechniker mir Otto Bock Nutzapfen als Adapterteile zu 80 Franken das Stueck, die dermassen billig und ungenau gefertigt sind, dass sie kaum mehr als 2-3 Franken in der Herstellung kosten, und dass sie beim Endkunden gar nicht mehr funktionieren. Auch das ist nur ein Beispiel.

Die Qualitaet eines Regal Prosthesis-Handschuhs ist exakt dieselbe, ob man ihn nun in Hongkong oder bei Ortho-Reha Neuhof bestellt. Bei Ortho-Reha Neuhof kostet er aber bedeutend mehr. Es ist diesen Firmen verboten, mich zwingend auf die Firma Neuhof zu verweisen und mir den Parallelimport zu verwehren. Wenn sie es trotzdem tun, riskieren sie, dass man sich dagegen wehrt.

Die Qualitaet zahlreicher Bedarfsprodukte aus dem Bereich Prothetik ist absolut miserabel. Dies steht ebenfalls in starkem Kontrast zum Handelsgehabe, mit dem sich die Firmenvertreter zum teil auffuehren.

3) Einfluss auf einseitige Beratung

Die Orthopaedietechniker in der Schweiz verkaufen ja nun ebenfalls die von ihnen verarbeitete oder auch nur weitergereichte Ware typischerweise mit +20% bis +30% Aufschlag.

Da sie mit myoelektrischen Komponenten bedeutend hoehere Preise erzielen, ist auch ihr Gewinn dort sehr viel hoeher als bei Eigenkraftprothesen. Wir sprechen hier von massiven Unterschieden; ein Eigenkraft-Arm hat fuer etwa 3'000 Franken Rechnungsbetrag Teile dran, waehrend eine myoelektrische Prothese gut und gerne 30'000 bis 50'000 Franken an Komponenten aufweist (ohne Arbeitsaufwand und Schaft). An einem Eigenkraft-Arm wird der Orthopaedietechniker am Teile-Handel lediglich etwa 900 Franken verdienen, wogegen der Verdienst bei einer myoelektrischen Prothese etwa 9'000 bis 15'000 Franken ausmacht.

Da Leute, die sich einmal an Eigenkraftprothesen gewoehnt haben, recht oft spaeter keine myoelektrischen Armprothesen mehr wollen, haben Orthopaedietechniker seit einiger Zeit aus Gewinnsucht und Selbstsucht damit begonnen, Amputierten von Beginn weg von der Eigenkraftprothese abzuraten und ihnen stattdessen die teureren und anfaelligeren myoelektrischen Arme beliebt zu machen. Gleichzeitig werden Eigenkraftprothesen technisch sehr schlecht hergestellt, offenbar um die Kunden dazu zu bewegen, myoelektrische Prothesen zu verlangen. Das Komponentenangebot von Otto Bock ist technisch im Bereich der Eigenkraft derart unterbelichtet, dass keinerlei andere Erklaerung Sinn macht.

Dahinter stecken aber klare Verkaufsinteressen, nicht etwa das primaere Interesse, den Kunden besser zu helfen.

4) Qualitaetskontrolle bei Eigenkraftprothesen

Wie gut eine Eigenkraftprothese gebaut werden kann, weiss ich selbst inzwischen. Viele Male habe ich die Verbesserungen meinem Orthopaedietechniker fast aufzwingen muessen.

Wer also eine Frage hat, ob seine Eigenkraftprothese absichtlich vom Orthopaedietechniker boykottiert wurde oder absichtlich schlecht gemacht wurde, darf mich gerne kontaktieren und wir koennen die Sache miteinander anschauen, Foto- und Videodokumentation erstellen, man muss die IV vorwarnen (damit sie nicht vorschnell ein unfertiges / schlechtes Produkt bezahlt) und dann den Orthopaedietechniker so lange unter direkten Druck setzen, bis er die Prothese sachgerecht und in guter Qualitaet fertig hat. Das bedeutet eben, ihn mit seinen Unzulaenglichkeiten direkt zu konfrontieren und ihm klar durchzudruecken, wer Auftraggeber und Kunde ist.

Cite this article:
Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Armprothese, orthopaedische Hilfsmittel und Import [Schweiz, Importbestimmungen, IV]; published July 2, 2011, 13:36; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=449.

BibTeX: @MISC{schweitzer_wolf_1582412932, author = {Wolf Schweitzer}, title = {{Technical Below Elbow Amputee Issues - Armprothese, orthopaedische Hilfsmittel und Import [Schweiz, Importbestimmungen, IV]}}, month = {July},year = {2011}, url = {https://www.swisswuff.ch/tech/?p=449}}


1 thought on “Armprothese, orthopaedische Hilfsmittel und Import [Schweiz, Importbestimmungen, IV]

  1. Genau dasselbe Problem besteht in Österreich auch bei Oberschenkelprothesen.Meine Gattin benötigt eine solche, ich lasse den Teochanter beim Orthopäden anfertigen, stelle aber das passende fixierbare Kniegelenk sowie das, selbst angefertigte, Unterschenkelrohr mit Gummistöpdel bei.Es handelt sich um Peglegs, die sich bestens bewährt haben (leicht, sicher,billig und reparaturlos).Ich habe immer Kämpfe mit den Orthopädietechnikern deshalb zu bestehen und diese versuchen ständig die Krankenkassa, mit der Vorspiegelung, eine fertige Prothese angefertigt resp. eingestellt zu haben, zu übervorteilen. Es ist ein unverschämtes Gewerbe und nur deshalb möglich, weil die Erzeuger, resp. Großhändler, prinzipiell nicht an Privatpersonen verkaufen. Dieser Unfug gehörte abgestellt, dafür müssten sich aber die Krankenkassen stark machen!

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