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Kommentar zu "Siri hat immer Lust - Gehört die Zukunft den Cyborgs und intelligenten Maschinen?" (UZH Magazin 2/18)

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Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Kommentar zu "Siri hat immer Lust - Gehört die Zukunft den Cyborgs und intelligenten Maschinen?" (UZH Magazin 2/18); published June 20, 2018, 19:37; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=9539.

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Interview aus dem UZH Magazin 2/18: Gehört die Zukunft den Cyborgs und intelligenten Maschinen? Der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn und der Ethiker Johann Roduit über die Zukunft des Menschen und unserer Gesellschaft.

Schwarzer Text: Thomas Gull und Roger Nickl interviewen Johann Roduit und Philipp Theisohn.

Roter Text: Kommentar von Wolf Schweitzer.

Interview:

Johann Roduit, Philipp Theisohn, der britische Künstler Neil Harbisson hat sich eine Antenne, die Töne empfangen und in Farbwahrnehmungen umwandeln kann, in den Schädel einpflanzen lassen. Er gilt als erster offiziell anerkannter Cyborg, wie man Mischwesen aus Mensch und Maschine nennt. Werden wir Menschen in Zukunft mit Maschinen und Technik verschmelzen?

Johann Roduit: Ich weiss nicht, ob er ein Modell für die Zukunft ist. Harbisson nutzt eine neue Technik, um damit ein Defizit auszugleichen, denn er kann seit seiner Geburt nur schwarz-weiss sehen. Seine Behinderung wurde auf diesem Weg beseitigt. Doch mehr als das: Harbisson kann heute auch Wellen im Infrarot- oder Ultraviolett-Bereich wahrnehmen. Das können Menschen normalerweise nicht.

Neil Harbissons Behinderung wurde nicht im eigentlichen Wortsinn beseitigt, aber es wurde ein Workaround installiert. Dieser hat Nebeneffekte und Risiken, aber das war es auch schon. Personen,  die sich mit Prothesen nicht auskennen, verstehen meist weder den Begriff der Prothese in seiner ursprünglichen Bedeutung, noch verstehen sie das Wesen der Prothese in diesem Zusammenhang. Ein Handicap wird durch eine Prothese dementsprechend praktisch nie wirklich beseitigt. Im Gegenteil weisen Prothesen Bedürfnisse in Instandhaltung, Reparatur, Ersatz, oder auch Nebenwirkungen auf, die per Saldo, oder unter dem Strich sozusagen, erst den gesamthaften Nachteil gegenüber einer nichtbehinderten Person erkennen lassen. Eine solche Saldierung des Gesamtschadens hat in der Szene z.B. der transzendentalen Ethik, Bioethik, Medizinethik, in Seminaren oder Instituten, oder auch Zukunftsforschung, Transhumanismus oder Cyborg-Forschung kaum Einzug gehalten. Daher gelingt diesen Fächern ein adäquates Verständnis von Behinderung oder Prothesen kaum. Dazu müssten sie erst vertiefte Gespräche mit Behinderten (wie mir) führen, was aber vor allem auch deswegen gar nicht geht, da wir durch namhafte Gremien pauschal bereits als permanent urteilsunfähig erklärt wurden (siehe weiter unten / nachfolgend).

Harbisson hat dank der Technologie nicht nur sein Defizit ausgeglichen, sondern seinen Fähigkeiten auch erweitert, in der Fachsprache nennt man das Enhancement, er kann jetzt mehr als Nichtbehinderte. Kann eine Behinderung zum Vorteil werden?

Roduit: Es gibt andere Beispiele von Menschen, die zum Beispiel High-Tech-Prothesen tragen, und betonen, dass sie bessere Arme und Beine haben als normale Menschen. In der ethischen Debatte kann man feststellen, wie Behinderung unter anderen Vorzeichen diskutiert wird – tatsächlich nicht nur als Nachteil, sondern auch als potenzieller Vorteil.

Die Bildmacht moderner, schön beleuchtet fotografierter Prothesenhände ist erdrückend, und man will sofort glauben, dass es sich dabei um absolute Wunder handelt, jeder menschlichen Hand um ein Vielfaches überlegen. Es gibt derzeit allerdings keine Leute, die selbst Prothesen bauen oder die selbst solche Armprothesen tragen, die ernsthaft der Ansicht sein dürften, dass gerade auch die modernsten Armprothesen besser sind als eine normale Hand, oder, die auch nur ansatzweise an so eine Funktion heranreichen. So eine Annahme wäre in Fachkreisen absurd, man ist da heute noch sehr, sehr weit davon entfernt und dürfte das auch in absehbarer Zeit nicht einfach lösen können. Armprothesen sind grundsätzlich orthopädische Hilfsmittel, welche nur einen äusserst geringen Anteil einer Funktion einer echten Hand haben. Gerade die seit den sechziger Jahren (damals als "Russian Arm" eingeführte) Myoelektrik weist eine sehr hohe Fehlerquote in der Steuerung auf, die besonders im echten Alltag oft unbrauchbar ist, und die für sich genommen über 40 Jahre absolut forschungs- und entwicklungsresistent ist. Für echte Arbeit ist daher die Vermutung, "bionische" bzw. myoelektrische Arme seien brauchbares Hilfsmittel, heute auch praktisch durch aufwendige Annäherungsversuche widerlegt (z.B. durch diese Studie). Für die ebenso unbegründete Vermutung, dass der ähnlich glühend vielversprechend dargestellte 3D-Druck effektiv belastbare und brauchbare Prothesen produziere, haben Vertreter der Gründer dieser Bewegung sogar neulich eine Abstandserklärung gegeben (siehe Artikel dazu). Dass Herr Dr. J. Roduit die Vermutung, dass High-Tech-Armprothesen besser seien als Hände oder Arme normaler Menschen, als Grundlage für ethische Debatten verwendet, ist einer allenfalls irgendwann, aber jedenfalls nicht einer greifbar sich ergebender Zukunft zuzurechnen, da jede Anknüpfungstechnologie zu solchen Hoffnungen oder Heilsversprechen fehlt - wobei ja eben wie gesagt bei exakt dieser Zukunftsvermutung wie gesagt seit über 40 Jahren keinerlei Fortschritt zu verzeichnen ist. Lediglich der von Vertretern der Akademie, biomedizinischen Ethik, Transhumanismus oder auch Technologieszene üblicherweise belächelte und beiseite geschobene kabelzuggesteuerte, effektiv robuste und bewährte Split-Hook, mit dem z.B. ich auf dem Grill problemlos die Würste drehe, stellt in konkreten Situationen ein gegenüber einer normalen Hand ein aktuelles, echtes Enhancement, und dann auch nur für diese (und nur wenige weitere: z.B. Kartonschachteln aufreissen, heisses Blech aus dem Ofen nehmen, etc.) spezifische Anwendungen. Echte Vorteile wie diese werden in dieser transzendalen Ethik, Medizinethik, biomedizinischen Ethik, oder auch Zukunftsforschung, deswegen nicht verstanden, gesehen, oder bewertet, da sich die Akteure mit den effektiven Gegebenheiten in der Armprothetik kaum auseinandersetzen und so zu solchen eher korrelatfreien Vermutungen kommen. Da diese zu den bildmächtigen Fotos von schönen "bionischen" Prothesenhänden aber gut passen, entwickelt sich eine Parallelwelt, in der erhoffte und befürchtete Dinge, die sich so bisher nicht zugetragen haben, und die auch niemand zu bauen weiss, zu eigentlichen Schwerpunktssimulacra mausern. Die dahinterstehende Psychologie ist aber der eigentliche Hauptdarsteller dieses hier nur angedeuteten legendenhaften Narrativs.

Wird der intakte Körper zum Handicap etwa für Spitzensportler?

Philipp Theisohn: Das prominenteste Beispiel dafür ist der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius, der mit seinen Unterschenkelprothesen wohl schneller rannte als er das ohne konnte. Oder die Paralympics: in der Werbung für den Anlass wird die Geschichte einer guten Schwimmerin erzählt, die ein Bein verliert, mit einer Prothese wieder zu trainieren beginnt und unheimlich gut wird. Sie macht den Sprung von disabled zu superabled. Die Behinderung mündet also schlussendlich in eine Super-Fähigkeit, die ihr vorheriges Leistungsvermögen übersteigt. Das markiert natürlich einen kultur­historischen Bruch. Hier fangen neue Geschichten an.

Man müsste sich auch um Beinprothesen genauer kümmern, um diesen Satz wirklich einordnen zu können. Wenn Oscar Pistorius ein prominentes Beispiel ist, dann dafür, dass man mit besonderen, Blades oder Cheetah Legs genannten Beinprothesen schneller rennen kann als mit konventionellen Beinprothesen. Auch ist die Mechanik anders als bei normalen Beinen, so dass Pistorius über länger Strecken wie 400 m viele Nichtbehinderte hinter sich liess, nicht aber über sehr kurze Strecken wie 100 m. Ein intakter Körper wird damit für diesen Spitzensportler aber deswegen nicht zum Handicap, da Oscar Pistorius beidseits beinamputiert ist. Es ist natürlich schon eine grundsätzlich richtige Aussage, dass ein beidseits unterschenkelamputierter Mann mit Beinprothesen schneller rennen kann als ohne Beinprothesen. Es handelt sich um eine fast definierende Eigenschaft der Beinprothese, dass sie das Laufen oder Rennen erlaubt, eine Art der Realitäts- und Begriffsfeststellung, zu der man eher Rene Magritte hätte befragen können: wenn man damit nicht laufen kann, sind es auch keine Beinprothesen. Und ohne Beinprothesen kann ein beidseits Beinamputierter ja gar nicht im eigentlichen Wortverständnis "rennen", es gibt denn auch keinen anerkannten Spitzensport mit Wettrennen doppelt beinamputierter Männer ohne Prothesen - weswegen Oscar Pistorius zwangläufig schneller ist mit diesen, als ohne, sein Körper ist ein behinderter Körper, woraus klar wird, dass ein intakter Körper im Wortverständnis, dass "intakt" bedeutet, dass u.a. alle Gliedmassen in regelhafter Ausbildung vorhanden seien, kein Hindernis für Oscar Pistorius sein kann, da er so einen Körper gar nie hatte. Daher ist diese Aussage insofern interessant, als sie hinterlegt, dass Pistorius im allgemeinen Verständnis, von dem Herr Prof. Dr. Ph. Theisohn hier sicher Zeugnis ablegt, ohne Prothesen rennen konnte. Beheben liesse sich so eine Vorstellung allenfalls in einer Schulung, etwa durch das Betrachten von Bildern beinamputierter Männer, wie sie auf Knien oder Gesäss auf dem Boden rutschen, wie sie einen Rollstuhl verwenden, wobei die Frage, inwiefern dann so eine Person ohne Prothese rennen würde, durch Teilnehmer so einer Schulung etwa in Essayform als Reflektion zu beantworten wäre. Man müsste dann wohl sehr genau prüfen, wie gut dadurch das Verständnis des Ausmasses und Umfangs einer bestimmten Behinderung von den Schulungsteilnehmern verbessert worden wäre.

Und Natalie du Toit, die hier gemeinte Schwimmerin, war bereits vor ihrer Amputation stets eine sehr gute Schwimmerin, auch vor ihrer Amputation bereits auf vielversprechendem Weg, sie hatte mit 16 knapp die Olympiaquali verpasst. Sie ist damit durch die Behinderung nicht „besser“ geworden, wie hier ja aber unterstellt wird; sie machte den Sprung von super-abled (not-disabled) zu super-abled (disabled) . Sie gewann im Verlauf weiters durchaus gegen Nichtbehinderte, aber nie an einer Olympiade oder WM nicht behinderter Sportler; sie wurde über 10km an einem überregionalen Open Water-Wettkampf Sechzehnte mit guten Zeiten, was als Rang für eine absolute Ausnahmeschwimmerin mit einer S10-Handicap geht, aber für schwerere Schwimmbehinderungen kaum erreichbar ist. So würde uns allen ein Blick in einschlägige Literatur gut tun, wo sich  Wettkampfzeit-Vergleiche anstellen lassen: „In general, the differences between athletes who are able-bodied and those possessing some level of limb absence is also reflected competitively, whereby the 100 m world record times (as of 2012) were 15–20% slower than when compared to able-bodied times.“ (Dyer, Bryce TJ, and Sarah A. Deans. "Swimming with limb absence: A systematic review." Journal of Rehabilitation and Assistive Technologies Engineering 4 (2017): 2055668317725451.). Behinderte, Amputierte, schwimmen also generell, als statistische Erfahrung sozusagen, langsamer als Leute mit allen Gliedmassen, was durchaus einer vernünftigen Vorstellung der Auswirkung von Gliedmassenverlust entsprechen dürfte. Aus biomechanischer Sicht – und auf dieser Ebene ist im Schwimmsport die ansonsten auch soziologisch stark einschenkende Arm- oder Beinamputation – damit recht klar bewertbar und durch erschlagendes Anschauungsmaterial (Datenbanken mit Wettkampfergebnissen) illustriert. Ein Sprung von disabled oder superabled findet also auch hier nicht statt, besonders auch die Frage danach, wie ein intakter Körper zum Handicap für Spitzensportler würde, wird weder ausgeleuchtet, geschweige denn beantwortet. Natalie Du Toit ist nicht "wegen" ihrer Behinderung zu einer Superfähigkeit gelangt, die sie vorher nicht hatte. Behindertentypische Gesamtsituationen im Allgemeinen, und die Situation nach Amputation im einzelnen und für Sport im besonderen ist anders gelagert. Niemand wird auf vernünftige Weise plausibilieren können, auch nicht unter Verwendung sämtlicher Möglichkeiten der biomedizinischen Ethik, dass eine Behinderung hier übermenschliche Kräfte verleihe. Daher ist es sicher ein Spannungsfeld, sich als Akademiker zu derart trivialen Dingen äussern zu müssen wie Spitzensport, Behindertensport, oder auch Trainingserfolge, wenn diese Themen letztlich doch nicht trivial sondern von umfassenden technischen Aspekten besetzt und umzirkt sind, die es faustdick in sich haben, und zu denen sehr viele Leute sehr umfassende tiefe praktische Einsichten und Erfahrungen haben.

Welche?

Theisohn: Maschinen erlauben uns jetzt, auf einer anderen Ebene Wettbewerb zu betreiben. Das ist auch der grosse Streit. Früher haben Menschen gefordert, dass sie trotz Behinderung an der normalen Leichtathletik-WM mitlaufen können. Heute ist das eine Gefahr für die Athleten ohne Behinderung, weil es Läufer oder auch Dreispringer gibt, die dank ihrer Prothesen ganz andere Fähigkeiten haben als konventionelle Sportler. Cyborgs sind eine Realität. Im Sport sind sie angekommen und wachsen auf diesem Weg in die Gesellschaft hinein.

Wettbewerb findet stets nur auf genau eine Weise statt, nämlich auf die Weise, wie es das jeweils gültige Wettkampfregulatorium vorschreibt - vor allem gut gemachte Wettbewerbe schränken die Vielfalt der technischen und aspektmässigen Möglichkeiten gewollt stark ein. Das weiss man vor allem dann, wenn man selbst an vielen Wettbewerben wie Sportwettkämpfen teilgenommen hat. Wichtig dabei ist das Gebot der Fairness, nachdem möglichst gleiches mit gleichem verglichen werden soll. Dass dies inhärent konfliktbeladen ist, geht aus dem Konzept hervor. Streit besteht eher dort, wo Fairness nicht als das verstanden wird. Damit ist eine grosse Leistung von Athleten mit besonderen Sprung- oder Rennbeinprothesen keine "Gefahr" für nichtbehinderte Athleten, da Impedanz, Federkraft und Biomechanik nicht vergleichbar mit diesen Prothesenmöglichkeiten sind und ein fairer Wettkampf daher nur möglichst gleiches mit gleichem vergleicht. In analoger Weise werden ja Boxwettkämpfe in Gewichtsklassen, Autorennen in Hubraumklassen, durchgeführt. Auch wenn es unterhaltsam sein kann, die Geschwindigkeit einer Ameise mit derjenigen eines Düsenjets zu vergleichen, um einmal ein extremes Beispiel zu machen, ist letztlich der Vergleich von Aepfeln mit Bananen ein Grauzonensurfen, wenn das Wettkampfreglement etwas in der Art (noch) zulässt.

Es sind überdies keinerlei Beispiele vorhanden, die exemplifizieren, wie zunächst im Sport beheimatete Cyborgs nun zunehmend in die Gesellschaft hineinwachsen. Das hat damit zu tun, dass gerade auch Armprothesen neuerer Bauart eben gerade keine besonders leistungsfähige Funktion aufweisen, geschweige denn eine Cyborg-artige Sportfunktion, die in der Gesellschaft dann etwa beim Stehempfang gross Eindruck macht. Wenn es greifbare, reale und präsente Personen gibt, die mit Handicap in der Gesellschaft unterwegs sind, so sind die meisten so gesellschaftlich integrierten Armamputierten ohne Armprothese unterwegs, oder sie tragen wie ich für richtiges Arbeiten eine dafür geeignete Zweckprothese, die so einfach und stabil wie möglich ausgeführt ist. Für Sport wie etwa das Hochfahren aufs Stilfser Joch trägt man einen einfachen Lenkeradapter für die  Armprothese, eine Art Greifzange oder Kugelkonnektor - aber nichts, das einen als Cyborg definieren würde, der am nächsten Gesellschaftsabend dort als ebensolcher Cyborg in Erscheinung treten würde um darauf die Gesellschaft zu erobern oder irgendwie von dieser Seite her irgendwie hineinzuwachsen. Es sind also gerade eben nicht die Cyborgs, die Sport betreiben nun die in der Gesellschaft vorhanden sind, und die dort ihren Beitrag leisten.

Es ist möglicherweise ein Mangel oder Fehler in der Bilderklärung der vielen, bildmächtigen Fotos "bionischer" Hände, oder auch der vielleicht zu schlecht kommentierten paralympischen Wettkämpfe, dass den Zuschauern nicht erklärt wird, dass die Armamputierten fast durchwegs keinerlei aufwendige oder gar "bionische" Prothesen tragen! Denn das fällt dem durchschnittlichen Betrachter sonst - wie man aufgrund dieser Hinweise von Prof. Dr. Ph. Theisohn ja vermuten muss - vermutlich kaum auf. 

Paralympische Schwimmer sind wirklich so schnell und so gut, dass man unbedingt auch so eine Schwimmprothese benötigt. Diese Aussage ist falsch, aber das würde problemlos so geglaubt, und als Grundlage für weitere Tätigkeiten verwendet. Aber der paralympische Schwimmsport lässt gar keine Prothesen zu. Das weiss nur keiner. Wir sind als Armamputierte in der Totwinkelfalle, gesellschaftlich, uns sieht keiner, über uns gibt es nur Vermutungen und Befürchtungen, über uns werden die unglaublichsten Märchen erzählt. 

Es ist vor diesem Hintergrund, dass Herr Professor Dr. Ph. Theisohns Vermutungen zu Cyborgs, die aus dem Sport in die Gesellschaft unterwegs seien, brisant und sehr interessant ist.

Der Sport ist die Spielwiese, auf der der Übermensch der Zukunft getestet wird?

Roduit: Der Sport ist tatsächlich eine Art Labor, in dem die Grenzen unseres Körpers ausgetestet werden. Schneller, höher, stärker – das ist die Maxime bei sportlichen Wettbewerben. Sportler wollen laufend ihre Leistung verbessern und vor allem auch besser sein als die Konkurrenz. Im Sport, aber auch im Militär wird heute das Enhancement von morgen erprobt. Auch beim Militär geht es darum, mit technologischen Mitteln die Fähigkeiten der Soldaten zu erweitern. Es gibt dort auch Prothesen oder künstliche Linsen, mit denen man einen entfernten Gegenstand heranzoomen kann. Für Heckenschützen ist das eine sehr erwünschte Fähigkeit. Das Narrativ, dass sowohl beim Sport als auch beim Militär unterlegt ist, ist der Wettbewerb. Das ist aus ethischer und philosophischer Perspektive der eigentliche Punkt. Denn wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob Kompetition das dominierende Narrativ sein soll.

Behinderte leben nicht in derselben, von Kompetition freien Welt wie Nichtbehinderte. Grundsätzlich ist eine Prothese stets der kompetitiven Wertung ausgesetzt: sie kostet viel oder viel zu viel, sie geht rasch oder viel zu rasch kaputt, sie sieht schlecht oder sehr schlecht aus, sie ist unbequem oder sogar sehr unbequem. So viel wie Prothesen kosten, werden sie extrem streng auf allerlei kompetitive Aspekte abgeklopft, durch die Prothesentechniker, durch die Versicherungen, durch die Anwender, täglich. Man macht sich keine Vorstellung davon, wie alltäglich der harte Wettbewerb zwischen Prothesen, auch Komponenten, ist. Nicht auf einem einzigen Dimensionsbereich, der sich allenfalls im Sinne eines permanent militärisch-sportlich-aggressiven Dauerangriffs auf die Feste der sich bislang als nicht behindert gewähnten Gesellschaft die Kante gibt - wir reden nicht über Cyborgs - aber es gibt jedenfalls Unterschiede im Nichtgenügen, Versagen, Zerfall, Erscheinung, Komfort, Probleme des Trägers. Und der beschäftigt den Prothesenträger andauernd. Wir haben keine Möglichkeit, uns den Luxus der ethisch-philosophischen Wettbewerbsfreiheit zwischen Prothesenteilen mit dem entspannten Ziel des sportlich-militärischen Angriffs auf die Normalität leisten zu können. Der Liner, der weniger rasch zerreist und zu schimmeln beginnt, der gewinnt, so sieht es da aus, knallhart ist diese Realität. Ich hätte Herrn Prof. Dr. Ph. Theisohn und Herrn Dr. J. Roduit ja mal an sowas riechen lassen, wenn sie sich vorher gemeldet hätten. So aber kommt es halt ex post zum Kommentar. Das dominierende Narrativ ist weiterhin also, dass Nichtbehinderte - einschliesslich Forschung, Akademie, Medien - typischerweise auf etwas anderen Sphären unterwegs sind, die sich im tatsächlichen Alltag mit Behinderung so gar nicht wirklich finden.

Theisohn: Richtig. Zugleich darf man – und durchaus erleichtert – feststellen, dass wir gerade dabei sind, die Grundlage eines im Kern diskriminierenden Denkens aufzugeben. Wenn wir bisher von Behinderungen gesprochen haben, so setzt das ein Menschenbild voraus, das auf bestimmten Fähigkeiten und einem vermeintlich vollkommenen, intakten, natürlichen Körper basierte. Unter diesen Voraussetzungen gibt es Menschen, denen etwas zum kompletten Menschen fehlt. Doch anstelle der Krücke oder der Brille haben wir nun intelligente Körperteile, die die Fähigkeiten des Körpers erweitern. Das verrückt unser Menschenbild.

Dass, wie vermutet wird, die Grundlage eines im Kern diskriminierenden Denkens ausgerechnet aufgegeben würde, scheint aus Erfahrung zunächst frei von effektiv greifendem Korrelat. Der behinderte Mensch wird auch heute weiterhin dezidiert vom nichtbehinderten Menschen unterschieden und auf dieser Basis auch ausgegrenzt. Dabei gilt es, das Lokalkolorit der gaengigen Lehrmeinung wenigstens zu kennen. Ein sehr aktuelles Menschenbild, das gerade in Zuerich von uns koerperlich Behinderten manifest ist, wird anschaulich, repräsentativ und zusammenfassend schlank auf einer Folie  eines autoritativen medizinischen Fachkurses zusammengefasst: wir Behinderte (umfassend wie nachversichernd rückbestätigt auch Körperbehinderte, dies habe ich abgeklärt, es ist kein Missverständnis) werden als ein typisches Beispiel für "dauerhaft urteilsunfähige Patienten" genannt. Damit wird lokal eine Haltung, Ansicht, Einstellung mitvermittelt, die wenigstens euphemistisch als diskutabel bezeichnet werden darf, aber grundsatzlich vor allem fuer sich selbst spricht, und daher nochmal: typisches Beispiel fuer dauerhaft urteilsunfaehige Patienten sind Behinderte. Damit darf umgekehrt angenommen werden, dass wir (als Gesellschaft) gerade eben nicht damit beschäftigt sind, diskrimierendes Denken irgendwie zu reduzieren oder aufzugeben. Es ist eine ganz andere Frage, ob es akzeptabel, legitim, gewünscht, eventuell sogar förderlich sei Behinderte zu diskriminieren: was so perpetuiert wird wie Stereotypien und diskriminierende Vorstellungen, hat oft wohl etwas Gutes. Nicht unbedingt für uns, die behindert sind - aber auf anderen Ebenen sollte man zunächst nach den Vorteilen suchen, bevor man das Kind mit dem Bad ausschüttet und nicht weiter spezifizierte Diskriminierung als schwinded vermeint. So hilft mir die stereotype Vermutung, Armamputierte bräuchten eine wenigstens einfache zweckmässige Armprothese (ohne weitere Spezifikation konkreter Gründe),

In welcher Weise?

Theisohn: Wer sich beispielsweise als Ziel setzt, der schnellste Mann, die schnellste Frau auf der Erde zu sein, dieses Ziel aber nur mit speziellen Prothesen zu erreichen ist, der muss die Konsequenzen ziehen...

Das entspricht so zwar einer gängigen Angst, aber nicht der Erfahrung. Die Wettkampfreglemente haben fairen Wettkampf zum Ziel, die Idee des Sports ist Fairness. Hier ziehen Sportverbände bei bisher nicht entsprechend formulierten Wettkampfreglementen nach und sortieren Behinderte in Klassen und trennen sie von Nichtbehinderten.

Dabei ist die Angst riesig, sie ist absolut überbordend. Bereits die Teilnahme als behinderter Athlet an Wettkämpfen Nichtbehinderter ohne jegliche Prothesen stösst auf grossen Widerstand bei Nichtbehinderten, sobald man als Behinderter in das Mittelfeld oder gar an die Spitze zu rutschen droht.

Wer sich also das Ziel setzt, an Nichtbehinderten-Wettkämpfen der schnellste Mann oder die schnellste Frau auf Erden zu sein, muss vor allem einmal nichtbehindert sein. Alles andere verkennt die Macht der Angst, die Macht aber auch der vermuteten Fairness. Indem die Angst von Nichtbehinderten vor allem auch Behinderte ohne Prothesen betrifft, ist die Realität viel weniger fair zu Behinderten, als vermutlich Herr Prof. Dr. Ph. Theisohn oder Herr Dr. J. Roduit gedacht hätten.

...und die Beine amputieren?

Roduit: Bei Pistorius war das im Grunde so. Er sass als Kind im Rollstuhl. Die Eltern haben beschlossen, die Beine zu amputieren, damit er Prothesen bekommt. Da wurde also mutwillig eingegriffen, um einen Upgrade zu bekommen. Von diesem Gedanken, mit einem Eingriff an unserem Körper seine Fähigkeiten zu erweitern, sind wir nicht weit entfernt. Eigentlich sind wir sogar schon längst dabei.

Eine medizinische Situation wie die der Amputation wegen angeborener Fehlbildung - wie bei Oscar Pistorius - mit Upgrade zu euphemisieren ist ein bemerkenswerter Schritt. Was als Trend weniger festzustellen ist, ist, dass verbreitete Ansichten zu Amputation und Prothesen in ihren Abweichungen von Realität, in ihrer Fiktionalität, auf ihren eigentlichen Ursprung untersucht werden. Dahinter stehen üblicherweise wie bereits angedeutet riesige Ängste.

Ängst lähmen das Denken. So liest man hier, dass "Die Eltern beschlossen" hätten, "die Beine zu amputieren". Das ist als Satz insofern beinahe etwas merkwürdig, indem er eine geisteswissenschaftliche Urheberschaft zu haben scheint. Seine Eltern werden hier so dargestellt, als ob sie die Beine von Oscar Pistorius selbst amputiert hätten. Vielmehr aber scheinen sie einen orthopädischen Chirurgen gesucht zu haben, der diese Arbeit durchführen musste, und die Wahl schien auf Gerry Versveld gefallen zu sein. Der Satz hätte daher theoretisch lauten können, "die Eltern beschlossen, die Beine von einem renommierten Chirurgen amputieren zu lassen", und würde damit eher der Vergangenheit entsprechen.

Was wir aber darin, sicherlich erneut am Rande der Nachdenklichkeit, feststellen können, dass der Bedeutungszusammenhang einer vom Thema der Beinamputation betroffenen Wissenschaftlern, die darüber fast wie aus dem Stegreif sozusagen zu Aussagen motiviert werden, ohne weitere Ausführung oder Reflektion einen "tilted sense of agency" aufzudrücken scheint - was wiederum sozial sehr ausgedehnte, erfahrungsuntermauerte Korrelate hat: so spricht das nicht behinderte Gegenüber bei einem Ehepaar, wo eine der beiden Personen sichtbar behindert ist, oft den nicht behindert erscheinenden Ehepartner an, auch wenn es um Dinge oder Geschäfte der behinderten Person geht. Wir teilen gesellschaftlich eine grosse Akzeptanz für behinderte-bezogene Verantwortungsverschiebungen, und dies könnte man in dieser eigentümlichen Formulierung durchaus ebenfalls erkennen.

Verändern die Maschinen auch unser Gehirn?

Theisohn: Bei mir im Seminar sitzen zwar keine Studierenden mit Antennen im Schädel, aber die allermeisten haben einen Laptop. Das heisst, sie sind im Grunde genommen schon an maschinelles Wissen angeschlossen. Wir arbeiten heute schon in Cyborgstrukturen. Das gilt für unsere Gesellschaft ganz allgemein.

Was Behinderte und Nichtbehinderte tun, in Bezug auf prothetische Annäherung eines Defektausgleichs, unterscheidet sich nach wie vor massiv. Das Gehirn wird damit durch das Tragen einer Armprothese insofern stark verändert, als man mit den üblichen kommerziellen Komponenten erst jahrelang Produkteversager und zahllose Reparaturen erleidet, bevor man eigene technische Entwicklungen baut und selbst mit besseren Reparaturvarianten beginnt. Insofern ändert sich das eigene Gehirn also sehr wohl: man stellt geglaubte oder angepriesene (z.B. Otto Bock: "Quality for Life") Funktionsversprechen zwangsläufig zunehmend in Frage und eignet sich eigene Fähigkeiten in Entwicklung und Unterhalt an. Der Aufwand, nur schon eine zweckmässige einfache Armprothese für die alltägliche Arbeit wirklich funktionsfähig zu bekommen, ist für den Einzelnen jedenfalls meistens enorm. Die Vermutung, dass im Bereich Behinderung eine Cyborgstruktur Einzug hält, sehe ich selbst nicht bestätigt. Und man sollte den Begriff der Cyborgstruktur sehr vorsichtig verwenden. 

Der Begriff Cyborg in seiner Herkunft bezeichnet eher technologisch-biologisch integrierte Wesen, allen voran einen Menschen, der dadurch neue Anpassungen oder Funktionen aufweist. Der also Dinge erträgt oder leisten kann, die vorher nicht möglich waren. Damit ist der Cyborg gegenüber dem normalen Menschen erweitert, "enhanced". Die sich daraus ergebende Fragen sind sehr wohl auch ethisch interessant, aber das hat mit den aktuellen Geräten des Alltags nicht viel zu tun. Vor allem leisten wir keine, wesentlich über unsere Möglichkeiten hinausgehenden, Anpassungsleistungen durch Implantation von Technologie. Nur schon der Ersatz eines arthrotischen Hüftgelenks durch eine Gelenksprothese macht keinen Cyborg: bestenfalls wird eine einigermassen normale Funktion wenigstens über einige Jahre angenähert.

Die Geräte sind aber noch extern, das sind keine implantierten Chips oder Ähnliches.

Theisohn: Aber die Cyborgisierung findet schon statt, ganz egal, ob wir an externe Geräte angeschlossen sind oder intelligente Prothesen tragen. Die technologischen Möglichkeiten verändern unsere Denkstrukturen, unser Begehren, unsere Tages- und Lebensplanung, unser Liebesleben. Das ist mittlerweile alles schon digital angelegt, das machen wir uns viel zu selten klar. Auch unsere Smartphones sind viel mehr als Telefone und Auskunftsmaschinen; sie sind die Schnittstelle in eine andere Welt mit ganz eigenen Gesetzen. Wenn wir uns mit Maschinen kurzschliessen, verändern wir damit auch unsere Bedürfnisse, weil Maschinen mit einer ganz anderen Geschwindigkeit operieren. Ich bin überzeugt, dass etwa Kommunikation über WhatsApp ganz andere Leidenschaften, andere Erwartungen, andere Bedürfnisse auslöst, als beispielsweise eine Beziehung, die über Postkarten läuft oder bei der man sich regelmässig sieht.

Der Cyborg ist definiert als integriertes Wesen - das heisst, die Technologie hat als Hardware im Körper zu sein.

Der Begriff für Geräte, die ausserhalb unseres Körpers sind, die wir zum Rasenmähen, Blumengiessen oder Kommunizieren verwenden, ist ein anderer.

Wie verändern sich denn unsere Bedürfnisse?

Theisohn: Die Maschine ist ausdauernd. Siri hat immer Lust, für mich zu arbeiten. Wenn ich das Bedürfnis habe, dass andere auf mich reagieren, kann ich mich bei WhatsApp permanent auf standby halten. Jede Form von Reaktion, selbst wenn ich keine zeige, ist ein Zeichen. Das verändert auch unser Aufregungsniveau. Mit der Gefühlsökonomie, die etwa die Romanzen des 20. Jahrhunderts noch steuerte, können wir diese Geräte gar nicht richtig bedienen. Wir werden so hochgetrieben, dass der Rausch länger dauert, die Ekstasen sich immer rascher wiederholen – und der emotionale Kollaps entsprechend absehbar wird. Datenströme haben eine eigene Dynamik und verändern uns.

Dass uns externe Reize durchaus beschäftigen, gehört in die Domäne der Psychologie und Neurologie. Wenn Maschinen an sich ausdauernd sind, so trägt das für sich genommen auch nicht zu einem breiteren Verständnis des Begriffs Cyborg bei. Aus Anwendersicht kann demgegenüber aber gesichert gesagt werden, dass kommerzielle Armprothesen alles andere als "ausdauernd" sind. Sie sind das exakte Gegenteil auch einer normalen technischen Ausdauer: wo ein Steuerkabel an einem Fahrrad nur etwa 1-3 Jahre hält, hatte ich während 2 Jahren einen Stahlkabelriss an meiner Armprothese alle 4-10 Tage. Man muss sich erst vor Augen halten, was es bedeutet, dass die Armprothese dauerhaft alle 1-2 Wochen komplett ausfällt, dass sämtliche Komponenten andauernd völlig zerfallen, um zu verstehen, wieso die Vermutung, solche Gerätschaften seien "ausdauernd", aus Alltags- und Anwendersicht absurd ist. Dahinter steht aber vor allem eine Hoffnung, ein durch bildmächtige Fotos genährte Sehnsucht nach schön glänzenden metalldurchwirkten "bionischen" Handprothesen, denen man eine Haltbarkeit von mindestens 100'000 km und 12 Jahre Garantie gegen Durchrosten andichten will. Es handelt sich aber um "Standbilder einer nicht gereiften Cyborghoffnung", deren Leistung fotografisch, nicht aber ingenieurtechnisch, ist.

Roduit: Ich diskutiere oft mit Philosophen. Wenn man auf das Leben von Philosophen im 16. und 17. Jahrhundert schaut, so bestand es aus der Bücherlektüre und der Teilnahme an der Gesellschaft. Heute sitzen wir die meiste Zeit vor einem Computer und interagieren mit diesem – das macht uns in einem gewissen Sinne zu Cyborgs. Man könnte auch sagen, dass das entmenschlichend ist. Die Maschinen, das Internet haben uns in unglaublich kurzer Zeit verändert. Ich glaube nicht, dass wir diese Veränderungen in ihrer ganzen Tragweite erkennen.

Veränderungen sind eine Sache, Cyborgs im engeren Sinne aber gibt es so nicht. Ob es sie je geben wird, weiss man nicht. In den 70'er Jahren wurde das Auftreten von Cyborgs etwa um das Jahr 2020 vermutet, und wir sind nicht dort. Das stört uns sehr. In Ermangelung echter Cyborgs werden daher seit Jahren Amputierte mit myoelektrischen Prothesen verwendet, um die Lücke in der damaligen Zukunftsprognose zu füllen. Offenbar fehlt in der Philosophie ebenfalls der echte Cyborg - etwa der Professorenkollege mit dem 20 Petabyte-Plugin im Gehirn, auf dem sämtliche Bibliotheksdaten der Welt in Echtzeit abgerufen werden können.

Dann haben die Maschinen uns also schon unterworfen?

Theisohn: So hätte man das wohl einmal formuliert, aber wir würden uns heute mit dieser Diktion wohl schwertun. Das ist ja gerade der Paradigmenwechsel. Ein Beispiel: Gegen die Volkszählung Anfang der 1980er-Jahre in Deutschland gab es einen riesigen Aufstand, obwohl der Umfang der Daten, die man dort erhoben hat, im Vergleich zu heute lächerlich klein war. Damals wurde moniert, der Staat wolle seine Bürger ausspionieren. Von 2018 aus gesehen erscheint dieser Widerstand grotesk. Heute stehen wir an einem ganz anderen Ort. Wir wissen zwar dass Cambridge Analytica uns manipuliert und was Facebook mit unseren Daten macht, aber dennoch bleiben wir dabei. Weil wir gar nicht mehr zurückkönnen.

Der Umgang mit Datenmanipulation und Gefahren öffentlicher Daten lenkt davon ab, dass wir weder Cyborgs sind, noch Cyborgs haben. Dies krankt ja unter anderem daran, dass keine verlässlichen Langzeitimplantate verfügbar sind, die sich problemlos in unser Nervensystem integrieren lassen. Zwar tragen manche Amputierte nun in den Stumpf durch eine chronische Wunde (Stoma) eingebrachte Befestigungsbolzem (Osseointegration), aber diese sondern dauernd Eiter oder Sekret ab, sie sind ein enormes Infektionsrisiko, und im Grunde verlagern sie nur die Einzelheiten der Behinderung von Problemen mit dem Prothesenschaft auf Probleme mit dem in den Knochenstumpf eingebrachten Anschlussbolzen; auch das sind keine Cyborgs, die eine auch nur in irgendeiner Art gegenüber nichtbehinderten Menschen stark verbesserte Möglichkeiten haben - die Kosten, der extreme Aufwand im möglichst permanenten Sauberhalten des Stoma, ist als Gesamtrisiko, Gesamtfunktion und Kostenaufwand viel zu weit von einer nur schon  normalen, geschweige denn gesteigerten Funktion verglichen mit Nichtbehinderten entfernt.

Wie sieht die Zukunft aus? Die Euphoriker sind überzeugt, dass alles besser wird – der Mensch an sich und seine Fähigkeiten. Auf der anderen Seite gibt es Angstfantasien, dass die Maschinen die Macht übernehmen und die Menschen versklaven. Wohin steuern wir?

Theisohn: Wenn wir es mit selbstlernenden Maschinen zu tun haben, können wir nicht mehr so tun, als ob sie Staubsauger wären. Sie werden vielleicht eine Funktion übernehmen, in der wir von ihnen abhängig sind. Dann wäre es gut, wenn die Maschine nicht mit Menschen umgeht, wie sie dies mit Dingen tut. Sonst haben wir ein Problem.

Die gesamte Debatte hier, die etwa in die Luft malt, dass Behinderte als Cyborgs den Spitzensport übernähmen oder dass aus dem Sport in die Gesellschaft mutierte Cyborgkrüppel den öffentlichen Diskurs übernehmen, ist eine einzige, riesige, an mehrheitlich falsch verstandenen Beispielen aufgehängte Angstfantasie.

Wie können wir dem begegnen?

Theisohn: Die Maschinen lernen ihr Verhalten von uns. Wenn wir sie wie Maschinen behandeln, dann behandeln sie uns ebenso. Wir müssen deshalb anfangen, mit Maschinen menschlicher umzugehen.

Was in der Tat fehlt, sind ein echtes Technikverständnis. Dies resultiert aus überdrehten, unzulässig verkürzten Wissenschaftskommunikationen, die die wesentlichen Zuwendungselemente auslassen (siehe etwa auch die Buchbesprechung zu "Zweimaltot"). Was ebenso fehlt, ist ein echtes Behinderungsverständnis. Über Prothesen und Amputierte wird derzeit derart viel erzählt, das keinerlei Korrelat im Alltag hat, dass man sich fragt, wo diese Ideen überhaupt herkommen. Mangelnde Zuwendung zu tiefen Inhaltsfragen ist auch hier instrumental. Mit der Verortung (auch körperlich) behinderter Personen im Lager der permanent urteilsunfähigen Personen hat sich die Akademie diesbezüglich natürlich ins Bein geschossen, weswegen sie zu diesem Themen denn auch inhaltlich sichtbar hinkt.

Roduit: Wenn wir der Meinung sind, dass alleine die Effizienz zählt, können wir einen Grossteil der Arbeit den Maschinen überlassen. Denn sie arbeiten schneller, besser und effizienter als Menschen. Fragt sich, was wir dann mit den Menschen machen.

Aus Sicht Armamputation und Prothesen ist von Effizienz oder besserer Funktion als Menschen nichts zu spüren. Aber viele Menschen wissen das nicht, sie glauben daran, dass Maschinen uns Behinderte zu Cyborgs werden lassen, und was folgt sind ganze Gedankengebäude, Luftschlösser, Angsthöllen, in denen geschmort und gesotten wird, ohne dass man damit einer Art Begegnung oder Realität näher wäre. Dies ist im Grunde ein Ausgrenzungsdiskurs, auf den bereits andernorts hingewiesen wurde (siehe Artikel zu Kompetenz).

Theisohn: Da sind wir an einem entscheidenden Punkt. Die künstliche Intelligenz verändert natürlich unser Arbeitsleben. Bestimmte Arbeiten werden verschwinden und andere an ihrer Stelle entstehen. Es gibt viele Dinge, die Maschinen tatsächlich effizienter machen können. Aus meiner Sicht gilt dennoch: Jene Arbeit, die die Maschinen besser verrichten können als die Menschen, sollen sie auch tun.

Man arbeitet ja auch an Empathierobotern. Ich weiss nicht, ob es zu befüchten oder zu hoffen ist, dass das gut herauskommt, sehe ich, wie wenig Empathie aktuell sonst zum Thema Behinderung und Maschinen vorherrscht. Gute Empathie würde auch mit der Frage beginnen, was es dann dazu alles an Fakten zu wissen gibt.

Werden wir überflüssig?

Theisohn: Nein, überhaupt nicht. Überflüssig werden wir nur, wenn wir uns über Tätigkeiten definieren, die Maschinen besser machen können. Aber wir haben vielleicht ja auch einen ganz anderen Zweck. Es könnte bedeuten, dass wir etwas ganz anderes machen könnten mit unserer Zeit und Energie. Das Problem, das wir aber lösen müssen, ist, wie Menschen in einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft überleben können, wenn die Arbeit von Maschinen erledigt wird. Dazu gibt es verschiedene Ideen. Ein Beispiel: Heute stellen die wertvollsten Unternehmen auf diesem Planeten gar nichts mehr her – sie verdienen ihr Geld mit Daten, die sie von uns sammeln. Deshalb sollten wir vielleicht für diese Daten bezahlt werden. Oder wir müssen Arbeit und Lohn ganz neu definieren.

Es gibt viel Überflüssiges. Unbegründete Angstfantasien über Seiten zu entwickeln ist nicht nur förderlich, es kann auch problematisch sein. Hier soll man die Frage nach der Überflüssigkeit breit stellen. Menschen, die in einer kapitalistisch organisierten Maschinenwirtschaft überleben wollen, haben nur dann einen klaren Überlebensvorteil, wenn sie die Fähigkeit sowie Grenzen der Maschinen und deren Betreiber sehr genau kennen oder einschätzen können. Dazu ist profunde Technikkenntnis, und bedeutungsvoller Dialog wichtig. Dieses Interview zeigt auf, wie wenig die breite Bevölkerung über Amputation, Prothesen, Cyborgs und Behinderung generell weiss, und wie viel Nachholbedarf bei grundlegenden Fragen des basalen Austausches bestehen würde. Bis ein Nichtbehinderter keine Angst vor dem Armamputierten mit Prothese hat, ist die Gehstrecke wohl zu gross, um sie allen Leuten zur Verfügung zu stellen. Damit stellt sich die Frage nach spezialisierten Verständigungsdiensten, etwa, Dolmetscherbüros für Inhaltstranslationen.

Roduit: Wir haben all diese Technologie entwickelt, um uns zu helfen. Nun arbeiten wir aber immer noch gleich lang, wie vor der digitalen Revolution. Mehr als das: Wir sollen immer produktiver werden. Ich denke, wir sollten mehr Pausen einschalten und uns auf anderes konzentrieren. Ich glaube auch nicht, dass wir überflüssig werden – wir werden einfach Menschen sein.

Wir sind hier bereits heute viel weiter in der Abgrenzung und Ausgrenzung. Mensch sein heisst hier ja vor allem, nichtbehindert zu sein. Wem Behinderte zuzurechnen sind, schwingt hier mit. Cyborgs - umfassend alle Behinderten mit Prothesen - sind ja keine Menschen, sondern Horrorfiguren, die in der leistungsüberdrehten kapitalistischen Maschinenwirtschaft unfair Vorteile holen will. Das wird einem so heute schon zu spüren gegeben. Und es ist nicht einmal an der Prothese festgemacht: bereits die Möglichkeit, eine Prothese tragen zu können, spült einen in die Ecke der suspekten leistungsüberdrehten Cyborgs. 

Was müssten wir ändern, um mehr von der Technologie zu profitieren?

Roduit: Ich sehe uns in einem Rattenrennen der ständigen Verbesserung, angetrieben von der Idee, besser und produktiver zu sein als andere. Das ist sicher ein Teil unserer Natur. Daneben ist aber auch die Zusammenarbeit etwas, das uns Menschen auszeichnet. Ich glaube, dass wir mit dem Wettbewerbsgedanken zu weit gegangen sind. Wir sollten wieder mehr kooperieren statt immer produktiver und effizienter sein zu wollen. Wenn wir so weiterdenken wie bisher, werden wir alle behindert sein, weil der Wettbewerb nie endet – ausser vielleicht eines Tages mit einem Cyborg, der alles gewinnt.

Herr Dr. J. Roduit belegt hier meinen vorgängig gemachten Kommentar ausreichend. Man kann aber die hier dargelegten, unbegründeten Angstfantasien entkräften: davon, dass Armamputierte mit einem Prothesenhaken heisses Grillfleisch "besser" umdrehen als Nichtbehinderte, sind wir in wettbewerbsrelevanter Wirkkraft ganz weit entfernt. Der Cybathlon 2020, dessen Strategie bei der Armprothetik ebenso auf tiefen, unfundierten Ängsten aber auch auf grossem Voyeurismus beruht, vergleicht denn auch keine solchen Möglichkeiten.

Theisohn: Deshalb muss man die Frage fundamentaler stellen. Vielleicht ist die Antwort auf die Frage, was der Mensch ist, eine ganz andere, als wir uns vorstellen. Diese Endlosspirale des Wettbewerbs dreht sich ja nur so lange weiter, wie wir darin verharren. Mittlerweile haben wir unsere Kommunikationsmittel so weit entwickelt, dass wir nicht mehr Schritt halten können und nur noch hinterhergeschleift werden. Ich bezweifle, dass es für uns gut ist, wenn wir ständig mit Maschinen interagieren müssen, weil uns das oft überfordert, denn die Maschinen werden ja nie müde. Deshalb müssten wir uns sagen: Ok, in gewissen Bereichen lassen wir die Maschinen alleine walten. Und wir müssen uns überlegen: Was können wir sonst noch tun?

Eine friedliche Loexistenz von Mensch und Maschine?

Vermutlich definiert sich das Fach der Zukunftsbewertung von Cyborgs über das Aufrechterhalten solcher Unsicherheiten. Bisher sind Armprothesen, wie man sie aus kommerziellen Teilen baut, von einer friedlichen Koexistenz mit dem Menschen weit weg: diese Geräte fallen von selbst auseinander, und wenn nicht, dann pft schon angesichts drohender leichter Arbeit. Die eigentlichen Sorgen sind an einem fundamental anderen Ort. Vermutlich ist es Absicht, davon abzulenken.

Roduit: Ja, wir sollten uns fragen, wie wir mit Künstlicher Intelligenz, mit anderen Arten, mit der Umwelt besser kooperieren können.

Behinderte sind ja nach aktueller Lesart eine "andere Art". Praktiziert wird Ausgrenzung und Dämonisierung, Verbannung in eine Angstwelt. Dies ist das, was in diesem Interview klar wird. Damit steht fest, wie der Umgang "mit anderen Arten" derzeit ausgeführt wird. Ich denke auch, dass man sich fragen könnte, ob so ein Dialog anders aussehen könnte, aber man kommt zum Schluss (siehe auch Buchbesprechung "Zweimaltot"), dass eine Ausgrenzung, ein Wegschliessen, eine schützende, präventive und fürsorgliche Funktion hat. Über das Leben von Nichtbehinderten, die über Behinderte allerlei Fantasien entwickeln, ohne diese auf echte Fakten zu stellen, kann auch ich nur spekulieren.

Theisohn: Unser Ziel müsste sein, nicht im Modus «wir gegen die anderen» zu denken, sondern eine Welt zu erzeugen, in der verschiedene Lebensformen nebeneinander existieren können. Wir werden nicht die Sklaven der Roboter und sie werden nicht unsere Sklaven, sondern sie würden uns dabei unterstützen, ein Leben zu leben, das wir für lebenswert halten. Wenn wir schauen, wie ein Grossteil der Menschheit lebt, kann man sich diesem Wunsch doch nicht ernsthaft verschliessen. Ich bin nicht gerade Euphoriker, aber Optimist, dass die Technologie uns dabei helfen kann, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für viele Menschen zu schaffen.

Die Chance, dass ein Behinderter mit Prothese nicht als angsterfüllendes Schreckensszenario wahrgenommen wird, der zuerst den Spitzensport und dann die ganze Gesellschaft dominiert, wurde nachweislich verpasst.

Sollen wir uns auf die Zukunft freuen?

Roduit: Wir sollten uns drauf freuen, weil sie Neues bringt.

Theisohn: Ja, wir sollten uns darauf freuen, denn wir haben ohnehin keine Wahl. Die Zukunft kommt. So oder so.

In einer möglichen Zukunft aus Sicht des Interviews wird dieses kritisch auf Stichhaltigkeit beleuchtet. Vielleicht wäre es an der Zeit, dies gelegentlich vorzunehmen. Bis dann sind Maschinen an Behinderten nicht in der Lage, ihnen umfassend bessere Lebensumstände als Nichtbehinderten zu garantieren, schon gar nicht auf Länge und nachhaltig. Vor einer Zukunft, in denen Nichtbehinderte losgelöst von solchen bitteren Realitäten ihre übergrossen Ängste projizieren, habe ich keine Angst: denn sie ist greifbare Gegenwart.

Thomas Gull und Roger Nickl sind Redaktoren UZH Magazin.

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