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Art and Disability - Vom Makel des Charmes und vom Unsinn, die Kombination von Behinderung, Submissivität, Objektfetisch und Oberflächlichkeit andauernd als was anderes anzupreisen

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Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Art and Disability - Vom Makel des Charmes und vom Unsinn, die Kombination von Behinderung, Submissivität, Objektfetisch und Oberflächlichkeit andauernd als was anderes anzupreisen; published June 13, 2010, 15:49; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=317.

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Charme [?arm] der-snur Sg 1. der reizvolle, positive Eindruck, den eine Person od. Sache auf jemanden macht <der Charme einer Frau, einer Stadt; bezaubernder, unwiderstehlicher, weiblicher Charme; Charme ausstrahlen; (viel) Charme haben> 2. seinen Charme spielen lassen gespr; sich absichtlich liebenswürdig und höflich verhalten (meist um dadurch einen Vorteil für sich zu erreichen)

"Charme des Makels"

Ein Projekt des Wieners Gerhard Aba befasst sich mit dem Titel "Vom Charme des Makels". Er verwendet diesen Titel, um dann eigentümlich sadomasochistisch-fetischhaft kostümierte Frauen zu fotografieren und diese Fotos dann auszustellen.

Dass er diese Fotos dann "charmant" unter die Leute bringen will, ändert aber natürlich an den Fotos nichts - und so hat aufgrund seiner etwas schiefen Verlogenheit und Oberflächlichkeit so ein "Charme" eben auch einen "Makel" . Wieso Verlogenheit? Nun, die Künstlerbehauptung dazu lautet erstmal:

"Ein Schwerpunkt meiner Photo-Artworks ist dem Thema "Makel" gewidmet. Seit Jahren arbeite ich mit amputierten Frauen weltweit zusammen, und halte ihr "Anderssein" ikonisiert mit der Kamera fest, um sie in unserer "Perfektionswelt" zu spiegeln. Jede meiner Artworks wird von ihnen mit Offenheit und dem Mut zum Authentischen geprägt, und erzählt dadurch die Geschichte von weiblicher Erotik in ungewöhnlicher Form - jenseits von Klischees, Vorurteilen und Oberflächlichkeit. Ich möchte meine Sicht des "Andersseins" mit all jenen teilen, die diese Erfahrungen noch nicht haben, und sich mit meinen "asymmetrischen" Photoarbeiten auseinandersetzen möchten."

Sieht man sich die Fotos an, so fällt erstmal auf, dass diese Fotos stets die Amputation und deren Dekoration im Zentrum haben - das aber recht unabhängig davon, welche der Frauen jetzt da zu sehen ist. Da dominiert der Künstler ganz vollständig, die Frau ist als eigenständiges Subjekt nicht mehr erkennbar. Frauen sind weniger erkennbar als verbundene, zugedeckte, maskierte, und vor allem ausgestellte Körper.

Um Behinderung an sich scheint es auch nicht zu gehen. Alltagsmomente, echte Realität fehlt vollkommen. Weder ist da eine alltagstaugliche Prothese im Vordergrund, noch ist sonst eine Aufnahme aus dem Leben gegriffen. Es gibt keine schiefe Körperhaltung zu sehen, keine hochgezogene Schulter, kein schiefer Gang, wollte man wenigstens Fehler in der Postur zeigen, was aber auch nicht sein muss. Es gibt keine Hautprobleme, keine verschwitzten Stümpfe, keine Phantomprobleme zu sehen - Phantomprobleme zeigen, ja, das wäre etwas. Vielleicht ein paar Blicke auf die zahlreichen Workarounds, Tricks, die man braucht, um sich durchzumogeln? Oder das lange Warten in der Orthopädietechnik, sowas könnte man verwenden, sehr ausdrucksstarke Bilder gäbe das. Egal - die vielen von uns lebenslang in den Knochen sitzenden Geschichten, davon scheint wenig erkennbar. Authentisch ist da also trotz anderslautender Behauptungen erstmal gar nichts, so weit das Auge reicht.

Aber alles ist gestellt, überdreht und karikiert. Klischees, wohin das Auge reicht - sofort sind wir mitten drin in der üppigen Fülle der überdekorierten Stümpfe, Metall und Leder, der dekoriert ausgeschmückten Vorführung liebevoll inszenierter Inferiorität und Absonderlichkeit. Hier wird mit Korsett bis zum Hals fast in die Spitze einer Hakenprothese gebissen, dort wird am Stumpf geleckt. Hier sitzt oder liegt man brav neben einem angeschmuddelten Sägeblatt, dort sind lange Stangen an ledervernestelte Stumpfschnallen gemacht. Angestrichene, aufgesetzte, angezogene, eingewickelte oder hingelegte Sonderbarkeit begleitet einen hier auf Schritt und Tritt. Diese bleibt bei allem oberflächlich - denn da nichts authentisches erzählt wird, bleibt auch nichts hängen. Wir werden auch von dem nun definitiv abgeschmackten Klischee der uralten Armprothese, die einen gegen das Gesicht des unsichtbaren Trägers gerichteten Revolver hält, in Gerhard Abas' absurder Fetischwelt nicht verschont. Diese Fantasiewelt ist in ihrer Kunst an sich nicht einmal so besonders neu - diese Art der Authentizitäts- und Wahrheitsvermutung findet sich bei Hans Bellmer oder Egon Schiele bereits zu Genüge. Sicher, was soll ein Wiener denn auch tun, die künstlerische Vergangenheit in Wien ist ja auch heute noch allgegenwärtig, warum davonlaufen.

Den Bildern fehlt dann sicher der positive Ausdruck, es fehlt die Freude, eine klare individuelle Prägung durch die fotografierten Frauen, Bewegung fehlt, jedenfalls ist nirgends Witz, Schlauheit, Erstaunen, Überraschung oder Freude erkennbar - und dann scheint es vor allem ja erstmal eine sorgfältige und vorsichtig hindekorierte Stillhalteübung gewesen zu sein.

Diese besondere Eigenartigkeit dieser Fotos ist nun eben ausserdem erstaunlich gleichartig, unabhängig davon, welches Frauenmodell nun fotografiert wurde. Da hat sich wohl der Künstler Aba erstmal und vor allem selbst in Szene gesetzt, sich und seinen visuellen Filter. Den, und dann erstmal lange nichts, bekommen wir hier zu sehen. Brachial obsessiv kommt das also daher, keinesfalls subtil oder vorsichtig. Und das durchaus gepflegter Sadomasochismus in Reinform. Man verstehe mich da nicht falsch - ich bin nicht dagegen, dass sich in der Sache einige urteilsfähige Erwachsene da miteinander ihr Ding treiben. Aber ein derart frecher Etikettenschwindel bedarf ja wenigstens eines Versuchs der Richtigstellung oder des Kommentars.

Sartre und Sadismus

Jetzt entspricht das Vorgehen eines Künstlers, der seine eigene Subjektivität verwendet, um ein subjekt-entleertes drapiertes, zur Schau gestelltes, ausstaffiertes objektifiziertes anderes Individuum ebenfalls mit seiner Subjektivität ganz aufzufüllen, durchaus der Vorstellung einer geradezu idealen sadomasochistischen Beziehung, eine Sorte der asymmetrischen Beziehungen, wie sie offenbar Sartre erklärte:

Before Deleuze, however, Sartre had presented his own theory of sadism and masochism, at which Deleuze's deconstructive attack, which took away the symmetry of the two roles, was probably directed. Because the pleasure or power in looking at the victim figures prominently in sadism and masochism, Sartre was able to link these phenomena to his famous philosophy of the Look of the Other. Sartre argued that masochism is an attempt by the For-itself (consciousness) to reduce itself to nothing, becoming an object that is drowned out by the "abyss of the Other's subjectivity". By this Sartre means that, given that the For-itself desires to attain a point of view in which it is both subject and object, one possible strategy is to gather and intensify every feeling and posture in which the self appears as an object to be rejected, tested, and humiliated; and in this way the For-itself strives toward a point of view in which there is only one subjectivity in the relationship, which would be both that of the abuser and the abused. Conversely, of course, Sartre held sadism to be the effort to annihilate the subjectivity of the victim. That means that the sadist is exhilarated by the emotional distress of the victim because they seek a subjectivity that views the victim as both subject and object.

Gerhard Aba ist ja ein Künstler, und ihm stehen da sicherlich allerlei Freiheiten offen, zu tun, wie ihm gut dünkt. Das soll so sein. Nur: derartige sadomasochistisch fetischbezogene Bildserien als "authentisch", als "jenseits von Klischees" zu bezeichnen ist absolut absurder Humor vom feinsten. Hier ist die Fantasie mit den guten Textschreibern schon etwas arg durchgegangen.

Otto Bock als Sponsor und Förderer sadomasochistischer Fantasien mit Objektifizierung behinderter Frauen

Nun haben wir pikanterweise mit Otto Bock eine Firma, die u.a. Prothesenteile herstellt und sie mit eine ganz besonderen Sorte der Kundenbetreuung an den Mann bringt, welche durchaus das Prädikat "besonders" verdient, da dieser Beziehung eine Analogie der Subjekt-Objektbeziehung innezuwohnen scheint. Das scheint aufgrund meiner Erfahrung auch bei der Kundenbeziehung zu dieser Firma irgendwie so zu sein: entweder ist Otto Bock ganz oben oder ganz unten: also entweder wird das Produkt klaglos getragen, oder man kann es zurückgeben - dazwischen gibt es nichts. An Hooks gibt es eine Auswahl nicht optimierter, relativ schlecht konstruierter Modelle, die zwar von amerikanischen Konkurrenzprodukten in Preis, Leistung und Funktion beliebig übertroffen wird - aber von Verbesserungsvorschlägen, da wollen sie bei Otto Bock nix wissen, da hören sie weg. Obschon die Zeitdauer klaglos intakter Funktion meiner Produkte dieser Firma denkbar kurz waren (MovoWrist: ca. 30 Sekunden; 2-Zug-Hand: ca. 2-3 Minuten; Perlonkabelzug: ca. 3 Minuten; Handgelenk: ca. 2-3 Monaten; Hook: ca. 3-4 Monate), steht bei Otto Bock allenthalben "Quality for Life". Was für eine Nummer! Diese Oben-Unten-Dynamik, die Art des Umgangs mit Produkte-Qualität und Kunden deuten aus meiner Sicht auf einen gewissen Mangel an Respekt vor Behinderten und passen nun recht gut dazu, dass Otto Bock zwar kein Geld für die Herstellung passgenauer Bolzen zu haben scheint, und sich auch für ihre Gewerke nicht entschuldigen wollte, obschon ich ihnen sogar nahelegte, das doch einfach zu tun - aber sich nicht zu fein ist, beim Fotoprojekt von Gerhard Aba finanzkräftig mitzuhelfen, das denn auch sogar in der "Prime Time" gesendet werden konnte:

http://www.wiend.at/behsex_aba_vom_charme_des_makels.htm Vom Charme des Makels - Projekt von und mit Gerhard Aba - VOM CHARM DES MAKELS" (..) Die Dokumentation zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, an der Schnittstelle zwischen Unterhaltung und Bildung sowohl den Ansprüchen des Fernsehens als auch denen einer universitären Einrichtung gerecht zu werden und das Thema Amputation jenseits von Tabu und Heuchelei zu bearbeiten. Wir sind stolz auf die Zusammenarbeit mit allen. die an diesem Projekt beteilgt waren und sind: dem Regisseur Gerald Teufel, dem Kamerateam, der Cutterin Elke Rittenschober, der Stylistin Nico Oest, den 6 amputierten Frauen Gina, Andrea, Carmen, Martina, Vivien und Lisa (nach der Reihenfolge ihres Auftrittes) und den Teilnhemenden am Workshop zur Makelschule. Gleiches gilt für die Firmen Otto Bock und Prothesen- Schuster, den Kulturwerk Schwechat und das Theater Forum in Schwechat. Wir sind ganz besonders dankbar der Universität Linz für die Chance zur Schaffung dieses ungewöhnlichen Werkes und dem Sender Bayern Alpha, vertreten durch seine österreichische Redaktion, für die Ermutigung zur Umsetzung und die gute Plazierung im Sendeschema. VOM CHARME DES MAKELS wurde in der Primetime gezeigt.

Wenn ein Wiener Fotograf seinen Neigungen entsprechende Fotografien macht und aushängt und das für ihn und seine Models so stimmt, ist alles in Butter. Aber ein Marktmonopol-Inhaber der Prothetik, am Drücker bei der Prothesentechnik wie Otto Bock als Sponsor und Förderer sadomasochistischer Fantasien, die behinderte Frauen objektifizieren: das ist ganz sicher das eigentliche Tabuthema, das hier abläuft. Das ist das Thema, das es zu beleuchten gilt. Was sind denn das jetzt ganz exakt und genau für Leute, die dort arbeiten? Sollten wir denn da mal genau nachschauen? Was haben die für Fantasien?

Warum setzt denn Otto Bock offenbar alles daran, dass Armamputierte zu ca. 30-60 Prozent gar keine Prothese tragen wollen: haben sie sie auch lieber ohne Prothese in ihren Fotos, wie Gerhard Aba? Welches sind die Voraussetzungen, dass Armpothesen nicht getragen werden? Wie halten die dort möglichst lange an diesen Voraussetzungen fest? Wieso sind die Prothesenteile von Otto Bock so, wie sie sind? Wieso werden keine neuen Kabelzug-Hände mehr entwickelt? Was genau und in der tiefsten Tiefe treibt diese Leute dort an? Verdienen sie denn unser Vertrauen und unser Geld überhaupt?

There is an awful lot left to explore.

Denn für den Alltag kann wohlgemeinter Sadismus im Sinne von Sartre durchaus als Menschenverachtung missverstanden werden, und diese Art Subjekt-Beiseiteschiebung ist wohl notwendig, um gewisse Dinge zu tun - wer nicht weiss, von was ich rede, kann sich ja mal einen Otto Bock-Akku anschauen, und dann tief in sich gehen. Absurder schwarzer Humor vom feinsten ist notwendig, um das wirklich lustig zu finden.  Das macht aber nichts, wer so austeilt wie die, der ist sicher auch hart im nehmen. Vielleicht bekommen wir ja schon bald von den Charmeuren aus Duderstadt hautrosafleischfarbene Plastik-Otto-Bock-Zahnbürsten mit rostigen Metallgriffen und rostigen Drahtborsten, zu 1600 Franken das Stück. Dann aber auf, schnell ins Fotostudio damit, zum anderen Charmeur, zur Fotoserie "Zahnfleischbluten". Authentisch. Offen. Und wirklich tief. Hilft nicht, macht nicht satt, befriedigt nicht, erfreut nicht, jubelt gar nicht, bleibt oberflächlich, ist auch etwas grässlich. Aber authentisch. Offen. Tief. Egal, ein Makel des Charmes, eben, des absichtlichenen, besonders liebenswuerdigen Verhaltens (nicht des liebenswuerdig Seins!) - er reicht nicht besonders weit. Now smile.

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