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Was bringt der Cybathlon 2016? (kurze Uebersicht)

Cite this article:
Wolf Schweitzer: Technical Below Elbow Amputee Issues - Was bringt der Cybathlon 2016? (kurze Uebersicht); published May 31, 2016, 23:59; URL: https://www.swisswuff.ch/tech/?p=5276.

BibTeX: @MISC{schweitzer_wolf_1574256257, author = {Wolf Schweitzer}, title = {{Technical Below Elbow Amputee Issues - Was bringt der Cybathlon 2016? (kurze Uebersicht)}}, month = {May},year = {2016}, url = {https://www.swisswuff.ch/tech/?p=5276}}


2 Comments

Was ist dieses Cybathlon denn?

(Updates zum Thema: hier)

Der Cybathlon 2016 (link) ist ein Versuch, durch Aktivismus der Oeffentlichkeit unter anderem das für die Oeffentlichkeit weitgehend irrelevante (link) Problem der aus Anwendersicht eher leidigen (Problemzyklus - link) Armprothesen näherzubringen - ohne dabei aber jegliche effektive Forschung zur ingenieurtechnischen oder auch sozialen Verbesserung der Stellung Armamputierter auch nur irgendwie ins Auge zu fassen.

Dies verwundert insofern nicht, als die Organisatoren zwar anscheinend die ETH Zürich repräsentieren, aber auf ihrer Publikationsliste keinerlei erkennbare nennenswerte (Sie befinden sich hier auf was für einer Webseite? Was wird hier als "nennenswert" angesehen?) Errungenschaften auf dem Gebiet der Armprothetik vorzuweisen haben und auch im persönlichen Umgang eher wenig aktives freundliches Interesse an der Kernthematik an den Tag legen. Es wäre damit denkbar, dass man sie zu diesem Anlass "verknurrt" oder "verbrummt" hat. Es geht dann allerdings nicht ohne Kritik.

dancedancedance

"Man ist da heute ja, äh, sehr weit". (Anonymer Akademiker) 

Der Cybathlon ist finanziert vom NCCR Robotics und stellt damit einen Werbefeldzug für teure - aber nicht "brauchbare" - "Hightech"-Prothesen dar, insbesondere dabei für Forschung auf dem Gebiet der teuren, schweren, aber weitgehend für reale bimanuelle einigermassen schwere - also sog. Echte - Arbeitstätigkeit nutzlosen sogenannten "bionischen" myoelektrischen Prothesen (für beispielhafte Anwendungen und Vertiefung siehe hier).

Dies kontrastiert damit, dass die universitären Forschungseinrichtungen der Schweiz auf dem Gebiet der Armprothetik - darunter verstehe ich diejenige Produktesorte, welche zur Berufs- und Alltagsrehabilitation Armamputierter verwendet wird, welche von Unfall-, Kranken- oder Invalidätsversicherungen übernommen werden und somit den gesetzlichen Anforderungen genügen - nichts (also: nichts) vorzuweisen haben.

Was sind brauchbare Armprothesen?

"Brauchbar" ist in diesem Zusammenhang ein Begriff, der etwa in der Schweiz für eine Armprothese, welche von der IV (Invalidenversicherung) bezahlt werden soll, recht klar definiert ist: es ist eine einfache und zweckmässige Ausführung - die etwas bestimmtes leistet, fast stets bezogen auf einen bestimmten Beruf. Die Rechtssprechung in anderen Ländern folgt meist ähnlichen Grundsätzen, indem der individuelle Bedarf einer konkreten Person bezüglich der Frage beleuchtet wird, ob ein Recht auf Versicherungsdeckung bezogen auf konkrete Berufsaufgaben besteht; gegebenenfalls ist eine Umschulung billiger und effizienter.

Damit müssten auch Testverfahren individuelle Ansprüche (Nutzerkriterien) auf insbesondere schwierige bimanuelle, berufsbezogene Aktivitäten testen, um dem Anspruch besonders brauchbarer Testverfahren gerecht zu werden. Ziel ist dabei stets das Ermöglichen exakt derjenigen Fähigkeiten, deren Ausbleiben beim Armamputierten einen Jobverlust zur Folge hätte.

Funktionell gesehen werden Armprothesen damit insbesondere für die Berufsausübung bezahlt; somit sind einfache und zweckmässige Armprothesen, die eine spezifische Berufsausübung ermöglichen (wobei impliziert ist, dass es ohne Armprothese nicht geht), als "brauchbar" zu bezeichnen. Umgekehrt kann man nicht jede Woche 2-3 Stunden zum Prothesentechniker rennen; also muss die Ausstattung auch einigermassen wartungsarm sein. Wartungsarme Prothesen sucht man auf Forschungsprogrammen vergeblich.

Daneben gilt es, den Alltag zu Hause und privat zu bewältigen, wobei auch hier in diesem Cybathlon impliziert ist, dass es ohne Armprothese nicht geht. In Realität sind Prothesen dann besonders nützlich, wenn sie nicht etwa bei seltenen oder einzelnen oder sporadischen, sondern bei stark repetitiven Tätigkeiten einen Haltungsausgleich mit verminderten Verspannungen und Überlastungen erreichen, und, wenn sie die andere Hand (... wie hiess dieser Blog noch mal?...) signifikant dort entlasten, wo es gerade eben besonders hart zur Sache geht.  Damit kommt dem orthopädischen Aspekt der Ausstattung und der funktionellen Ausrichtung auf den Anwendungs- und Anforderungsraum physikalisch, thermisch, chemisch und dynamisch eine überragende Rolle zu.

Als Grundlage für das Themenverständnis ist zugrundgelegt:

  • Berufsalltag muss für die Frage der Tauglichkeit der Prothese (massgeblich mit der Armprothese) geleistet werden; somit sind berufsspezifische 2-händige Tätigkeiten von prioritärem Interesse; versicherungstechnisch gesehen - etwa bei der IV (Invalidenversicherung) in der Schweiz - ist dies die entscheidende Frage darüber, ob die Versicherung eine Prothese bezahlt oder nicht; für alle Tätigkeiten, die probemlos ohne Prothese zu bewältigen sind, stellt sich die Frage der Tauglichkeit einer Prothese gar nicht; wenn die überwiegende Mehrzahl der Arbeitsplatz-bezogenen Aktivitäten auch ohne Prothese problemlos zu meistern sind, ist Bau, Entwurf und Testen der Prothese auf die verbleibenden besonderen Aktivitäten auszurichten;
  • Haushalt, Alltag ist zu bewältigen; dort sind alltags-spezifische 2-händige Tätigkeiten von besonderem Interesse; indem die überwiegende Mehrzahl der Hausarbeiten auch ohne Prothese problemlos zu meistern sind, ist Bau, Entwurf und Testen der Prothese auf die verbleibenden besonderen Aktivitäten auszurichten;
  • insbesondere harte und repetitive Tätigkeiten müssen so erleichtert und angepasst werden, dass Überlastungen und einseitige Belastungen reduziert werden; es sind gerade diese Probleme, welche Armamputierten mit entsprechenden Belastungen nach 5-10 Jahren zunehmend und mitunter nach 10-20 Jahren sehr stark zusetzen; durch fehlende Korrektur der Asymmetrie (was insbesondere verminderter Bewegung zuzuschreiben ist) und durch Overuse / Überlastung (was der ungenügenden praktischen Brauchbarkeit der Prothese zuzuschreiben ist) stellen sich Probleme ein, die je nach Dauer (aber auch Ursache) nicht mehr richtig behandelt werden können; berücksichtigt man, dass alleine Bau und Anpassung einer sehr gut passenden Armprothese dem Amputierten viel Zeit, Engagement und Aufwand und damit eine hohe Frustrationstoleranz abverlangt, wird verständlich, dass Patienten mit überlastungs- und asymmetriebedingten Problemen offenbar (a) weder bereits zu Beginn realisierten, dass sie sich um eine im oben beschriebenen Sinne brauchbare Prothese auch selbst stark kümmern müssen, (b) dass Aussehen und Funktion nicht dasselbe sind, (c) dass man nach jahrelangen Schmerzen, Nervenkribbeln bzw. -taubheit und weiteren Einschränkungen eine Prothese eventuell nicht mehr im selbem Mass als Hilfsmittel erkennen kann. Da Orthopädietechniker und Aerzte an diesen Zusammenhängen nicht aufwands-, verlust- oder umsatzbeteiligt sind, gibt es für sie keinerlei administrative oder finanzielle Motivation, dies zu berücksichtigen; ich selbst kam über umfassende physiotherapeutische Beratungen und sehr umfassende Korrespondenztätigkeit in internationalen Selbsthilfeforen dahinter;
  • demgegenüber abzugrenzen sind insbesondere Aktivitäten - und das sind je nach Beruf und privatem Alltag eben die allermeisten - , die keinerlei prothetischer Hilfe bedürfen (link);  da typische "bionische" Prothesen zu keiner nennenswerten manuellen Tätigkeit (im oben definierten Sinne) wirklich taugen, kann man sich problemlos Demovideos mit solchen Prothesen ansehen um sofort auch zu wissen, für was alles man gar keine Prothese braucht. Dabei ist auch zu sagen, dass der Stumpf selbst von namhaften Rehabilitationsspezialisten als "die beste Prothese" betrachtet wurde (Lit. Baumgartner), und an sich keineswegs ohne Funktion ist (link).

Forscher vergessen dies fast stets oder wissen es gar nicht. Sie lassen es beiseite, da sie dafür kein extra Geld bekommen, wenn sie sich vielmehr um irgendein Gebastel kümmern wollen.

  • Damit eine Prothese immer funktioniert, hat sie sehr robust zu sein, und sich aus erneuerbaren Energien zu bewegen; dabei ist die Eigenkraft mit Abstand am tauglichsten. So eine Prothese funktioniert etwa auch draussen im Winter gut, wenn sie temperatur-unabhängig ist. Sie funktioniert im Sommer bei grosser Hitze gut, wenn Schweiss eine möglichst geringe Funktionseinbusse darstellt. Die mechanischen Teile halten (und gehen nicht kaputt oder lösen sich), wenn sie darauf ausgelegt sind, dass sie bei längerem starkem Rütteln oder Vibrationen oder auch bei starken Schlägen problemlos halten. Ueberlastungen werden dann besonders effizient vermieden, wenn das Drehmoment (Torque) auf Ellbogen (bei der Unterarmamputation) möglichst tief ist; das ist sowohl eine Frage von Gesamtgewicht wie Schwerpunkt. Das Interface muss möglichst wenig anfällig für etwelche Störeinflüsse sein. Dagegen ist die Greifkraft weniger entscheidend; die Greifkraft meiner (eigenen) Hand ist bei etwa 43 kg, die der iLimb bei etwa 1,5 kg, die des Hooks bei etwa 5-6 kg. Durch Oberflächenbeschaffenheit und Geometrie kann verminderte Greifkraft wettgemacht werden, so dass Greiffunktion und rohe Kraft nicht dasselbe sind (link).
  • Ein orthopädisches Hilfsmittel wie eine Prothese muss spezifisch dafür gebaut und angeschafft werden, um den konkreten Benutzer "unabhängiger" zu machen. Wäre das nicht so, könnte sich der Benutzer bei den fraglichen Tätigkeiten helfen lassen oder (cleverer) diese Tätigkeiten so modifizieren, dass er es ohne Hilfsmittel hinbekommt. Erst der Schritt in Richtung "unabhängigere" Tätigkeit und Alltag ist der Schritt, der die Prothese als Hilfsmittel überhaupt legitimiert. Man könnte auch sagen, dass eine Person mit Behinderung von Aspekten der Behinderung "befreit" werden muss, um eine Prothese überhaupt zu legitimieren.

Wieso sind die am "Cybathlon" gezeigten Prothesen keine "brauchbaren" Prothesen?

  • Der Schaft myoelektrischer Prothesen ist für mechanische Belastungen unbrauchbar; bioethisch ist dies extrem dünnes Eis: das Infragestellen dieser Tatsache stellt insgesamt vor allem die Menschlichkeit des Fragestellers in Frage. #voightkampff (link)
  • Eine moderne Handprothese ("bionische" Prothese) hält überhaupt keinen mechanischen Belastungen stand, da die Motoren extrem schwach sind um nicht viel zu schwer zu sein, dadurch müssen die massiv überteuerten Handschuhe extrem dünn sein und zerfallen bereits von selbst / von sich aus im Schrank (link), spätestens aber beim Autowaschen innert weniger Minuten (link); eine Betriebsviertelstunde kostet unter Weglassung sog. Aktivitäten insgesamt etwa 11 Franken (Vollkostenrechnung inkl. die Zeit, die verloren geht, wenn man den Handschuh durch qualifiziertes Personal wieder ersetzen lässt: total ca. 2 Stunden Aufwand und Fahraufwand für mich, etwa 1/4h für den Techniker); demgegenüber kostet eine Betriebsviertelstunde meiner Eigenkraftprothese geschätzt etwa 0,9 Rappen oder 0,009 CHF (ist damit also auch nicht ganz gratis).
  • Die Temperaturstöranfälligkeit ist massiv; bei kalten Temperaturen funktioniert die myoelektrische bzw. "bionische" Prothese nicht; bei Hitze wird der Stumpf mit Schweiss so überschwemmt, dass die genaue seitengetrennte Stromableitung über die Elektroden verloren geht; wie praktische Tests bei Umgebungstemperaturen um 20 Grad C zeigen ist das bereits nach 5-10 Minuten Staubsaugen der Fall.
  • Die funktionelle Hilfe solcher Hände ist schlecht; setzt man sie für übungskritische bimanuelle Arbeiten ein, wird man oft enttäuscht; man kann einen Apfelkuchen funktionell besser ohne "bionische" Hand und ganz ohne Prothese backen (link), man kann auch eine Tasche besser ohne "bionische" Hand mit Nadel und Faden reparieren (link).
  • Der Tragekomfort ist nicht nur wegen der Schaft-Haut-Problematik schlecht (link); auch der Schwerpunkt ist derart weit vorne (link), dass substantielle Benutzeranteile dadurch Ueberlastungsprobleme am behinderten Arm bekommen; zudem ist die funktionelle Hilfe durch die sehr schwachen und anfälligen Prothesenhände so gering, dass viele Träger "bionischer" Arme am anderen, nicht behinderten Arm Überlastungsprobleme bekommen.
  • "Bionische" und andere Armprothesen werden auch zur Behebung der Sichtbarkeit der Behinderung angepriesen. Diese Problematik behebt aber bis heute keine Armprothese auch nur annähernd befriedigend. Vor harten Testverfahren schrecken Forscher und die Industrie allerdings zurück, da mein Alltag (und mein daraus abgeleiteter Appearancetest - link) mit einer Schonungslosigkeit daher kommt, die das umfassende, vollkommene und komplette Ungenügen der Akademie/Forschung wie der Industrie sehr plastisch veranschaulicht. Logischerweise ist es so, dass wenn die Handprothesen ohnehin nicht taugen, das Handicap wirkungsvoll zu verstecken, dass die Ostereiersuche ("was stimmt mit dem seinem Arm nicht") damit eh stets innert Sekunden ein Ende hat und man gleich von Anfang an mit einem Hook, oder ohne Prothese, unterwegs sein kann, ohne dass auf der Achse des Aussehens irgendetwas verloren ist. Daraus heraus ist erst nachvollziehbar, wieso man ohne Prothese oder mit Hook bei geschätzt 2/3 bis 3/4 der Unbeteiligten als bedeutend "authentischer" wahrgenommen wird - was immer dann das bedeuten soll. Da die effektive Funktion der Prothese (siehe Bezug zum Beruf, oben) eben sehr oft nicht realisiert wird, bleibt alleine das Aussehen; und auf den hier bemängelten Umstand kommt man rasch, so dass bei Abwägen der Betriebskosten sich der Armamputierte sinnvollerweise fragt, ob er den Unsinn nicht ganz sein lassen soll; so sind bei weit über 50% betragenden Rückweisungs- bzw. Nichtbenutzerraten üblicherweise schwerwiegende Erfahrungen und rationale Argumente dahinter, welche Forscher für sich meist weder erschliessen noch verstehen wollen (auf die mentalen Voraussetzungen, als nötig zu vermuten sind, angesichts derartiger Realitäten dennoch Robotikarme auf die seit 100 Jahren übliche Weise weiter zu beforschen, wird weiter unten eingegangen);
  • Die Problematik des derartigen Entwicklungen innewohnenden Teufelskreises ist ebenfalls längst bekannt (link; link): Forscher sehen sich in ihrem Versagen, brauchbarere Prothesen zu bauen, zunehmend enttäuscht, weswegen sie ihre Bestrebungen vermehren; dies führte in der Vergangenheit nie zu besseren Ergebnissen und aufgrund der seit ca. 100 Jahren gleichbleibenden Mechanismen des Fraternizing, der Seilschaften, Absprachen und - auch am Cybathlon - Ausbremsen der rehabilitierenden Key Players und Betroffenen aus relevanten Bereichen der Veranstaltung wird das aller Voraussicht nach genau so bleiben. Unterstützende Finanzierer wie auch der SNF zementieren damit die bestehende Misere, was Armprothesen angeht, der auch durch Workshops nicht beizukommen ist ("wie überlebt meine "bionische" iLimb den Alltag") - klar, denn nur und ausschliesslich durch sehr gute Analytik, Problemwahrnehmung und ingenieurtechnische Problemlösung kommt man hier weiter.

Der Wettbewerb "Cybathlon" unterdrückt damit recht gekonnt die Erscheinung und damit den Vergleichswettbewerb konventioneller und damit im Alltag / bei der Anwendung im Beruf ausgereifter Prothesen und er unterdrückt jedenfalls den Versuch, den Parcours ohne Prothese zu absolvieren: denn obwohl angeblich alltagstaugliche Fähigkeiten getestet werden sollen, ist de facto weder das Absolvieren einer Base-Line-Performance ohne Prothese, oder, mit konventionellen Prothesen durch erfahrene Träger, oder zweihändig durch nichtbehinderte Teilnehmer vorgesehen.

Hier werden zwecks Authentizitätsvermittlung echte Aktivitäten nur angetäuscht. Dies ist ein bewährter Trick, um Symbole (nicht Werkzeuge) in der Prothetik glaubhaft darzustellen, ähnlich wie das Vorführen lackierter und parfümierter Unfallautos im Gebrauchtwagenhandel.

Allerdings ist insbesondere das sehr tiefe Verständnis einer Baseline-Performance ohne solche seltsame Ausstattungen geradezu zwingend zur Beantwortung dieser und analoger, Industrie und Akademie gleichermassen verstörenden Fragen:

  • wieso leisten Armamputierte ohne Prothese so gute Alltagsarbeit?
  • wieso ist der Hook und die Eigenkraftprothese auch heute noch derart stark und leistungsfähig, dass kein myoelektrisches "bionisches" Gerät diesem auch nur annähernd das Wasser zu reichen vermag?
  • wie (wenig) gross ist der Performanceabstand zu zweihändigen nicht behinderten Leuten wirklich?

Wieso nehmen am "Cybathlon" keine brauchbaren Prothesen oder Leute ohne Armprothese teil?

  • Brauchbare reale Armprothesen werden vom Prothesentechniker in viel Aufwand und Arbeit und Zusammenarbeit mit dem Benutzer und seinen Rückmeldungen und Bedürfnissen benutzerspezifisch auf dessen Arbeitsalltag zugeschnitten. So unterschiedlich die Leute sind, die Armprothesen tragen, so unterschiedlich daher auch ihre funktionellen Bedürfnisse. Das Testen und Verbessern brauchbarer Armprothesen wäre daher ein Akt der Zuwendung, ein Sich Kümmern. Das Testen solcher Prothesen muss individuell geschehen, in dem für sie relevanten Anwendungsraum, bezugnehmend auf die individuellen Einschränkungen und Möglichkeiten des Anwenders. Diese Art Test wäre ein echter Benefit für die Rehabilitation, aber das war nie Ziel der Forscher - nicht vor 100 Jahren, nicht vor 50 Jahren und ganz sicher nicht heute.
  • Forscher sind aber üblicherweise an anderen Gefühlen interessiert. Zuhören, verstehen (siehe oben) und helfen ist nicht ihr Ding, sie wollen dominieren und unverhandelt als Erretter anerkannt werden. Denn das Weltbild der Erbauer "bionischer" Prothesen ist ein spezifisches, seltsames Weltbild. Zunächst bedarf es im Sinne eines Axioms zwingend der Vorstellung, dass ein Armamputierter erst dann ein halbwegs richtiger Mensch wieder ist, wenn der Erbauer "bionischer" Prothesen ihm eine solche baut, um überhaupt auf die Idee kommen können, dass etwa so eine "bionische" Prothese "hilft". Nur dadurch erlangt der Erbauer "bionischer" Prothesen Retter-Rolle, Erlöser-Rolle, in der sie sich dann auch fast göttliche Fähigkeiten (die Debatte "why won't god heal amputees" ist ein etabliertes theologisches Problem) zuschreiben. Als entsprechend narzisstisch überhöht ist die Gesamtsituation anzunehmen - der Armamputierte ist kein Mensch, kann keiner sein und wird auch nicht als das anerkannt - taugt allenfalls als Versuchskaninchen, aber nicht als Mitmensch. Erst nach Erlangen eines für ihn erbauten "bionischen" Arms kann man den Amputierten möglicherweise in die Gesellschaft re-integrieren; dies aber nur und ausschliesslich dann, solange er sich tief bewundernd und dankbar gegenüber dem Retter verhält, und das ihm erbaute "bionische" Prothesenteil als Bindeglied zwischen fehlender Menschlichkeit und Menschheit wahrnimmt und auch behandelt. Dieses Weltbild kracht allerdings angesichts des normalen Behindertenalltags (Anforderungen siehe oben) in sich zusammen. Dass diese Einschätzung so ist, wird zwanglos daran erkennbar, wie etwa der Kundendienst von Touchbionics reagiert, wenn man ihre von selbst zerfallenden Handüberzüge bemängelt, und wenn man ihre anschliessende Korrespondenz"erledigung" ebenso kritisch würdigt (link) - wodurch ja alleine die aus sich selbst zerfallenden Handüberzüge auch nicht wieder ganz werden. Sie wird auch erkennbar, wenn man mit neuropsychologischen Forschern darüber redet, was für Alternativen zu ihren Hightech-Vermutungen es gäbe (link).
  • Wäre der Anspruch, Armamputierte wie sie sind und als solche als Menschen zu akzeptieren, und ihnen wo nötig brauchbare Hilfsmittel zur Seite zu stellen:
    • dann würden Forscher prioritär bequeme und leichte, sehr robuste, sehr greiffunktionale Prothesen bauen; das tun derzeit v.a. Plettenburg (link) und Veatch (link);
    • dann würden Forscher nicht dauernd eine anthropomorphische Schiene mit unglaublicher Penetranz unter Verwendung armtötender Schleppanker verfolgen, wie sie es tun;
    • dann würden Forscher Berufsintegrationen mit ausgewiesener Messtechnik beweisen - was nirgends getan wird; LKW-Fahrer, die selbstständig keinen LKW entladen können (woraus sich zwanglos die Frage anschliesst, was LKWs an Ladung enthalten und wie der Lade-/Entladeprozess vonstatten geht, und wieso LKW-Fahrer oft sehr kräftig sind), sind je nach Land und Strassenverkehrsregulation überhaupt nicht berufs- und fahrgeeignet, um nur ein Beispiel zu nennen. So musste ein Postbusfahrer in der Schweiz gerade im verschneiten Winter in der Lage sein, einen umgeknickten Baumstamm, der die Achsenstrasse verlegte, rasch aus dem Weg zu räumen, oder an den Busrädern Schneeketten zu montieren. Wenn dann Armamputierte mit "bionischem" Schnickschnack behaupten, sie arbeiteten in derartigen Berufen, und der Cybathlon testet sie auf die Fähigkeit, Wäscheklammern oder Basketbälle zu manövrieren, darf ruhig gelacht werden.

Wieso gehören brauchbare Armprothesen nicht an den Cybathlon?

Das hat aus Sicht der Vertreter des NCCR sehr gute Gründe - ein bereits in etwa vergleichbares Absolvieren eines Parcours ganz ohne Prothese, oder mit gefürchteter Hookprothese, blamiert die Wahrnehmung der "Hightech"-Vertreter aufs übelste.

Die Urangst vor dem "bösen Mann mit dem Hook" ist zudem anerkannte pubertäre Urangst, sowie überhaupt das lebenslange Basteln in verantwortungsfreiem Bastelraum nicht unbedingt einem reifen Gesellschaftsverständnis mit verantwortungsvoller Rehabilitationszuwendung zuzuordnen wäre, insbesondere was experimentelle 20kg schwere Prothesenarmsetups aus Forschungslabors angeht. Erwachsene (d.h., richtig erwachsene) Personen haben meist Entwicklungen durchgemacht, die sie zu anderen Vorgehens- und Betrachtungsweisen bringen.

Dieses Blamieren wäre auch dann noch kein Problem, wären die Forscher ergebnis-offen und wahrhaft neugierig als Helfer als von ihnen gleichwertig erachteten Menschen mit Behinderung an der Lösung derer Probleme beschäftigt. Konfrontationen mit behinderten Menschen können anstrengend sein, dabei entgleisen einem schon mal Anstand und Reflexe. Daher scheut der unreflektierte Zeitgenosse - Akademiker nicht ausgenommen - den Kontakt mit Behinderten. Wenn man eine solche Konfrontation scheut, wie der Teufel das Weihwasser, dann ist es besser, man lässt die reale Welt gar nicht zu, auch reale Fragestellungen werden ausgeblendet.

Hier trifft dann eine unreflektierte Unreife in der Angstformulierung auf narzisstische überhöhte Kritikscheu, mit auch Voraussetzung und Motivation, was fast sicherlich weite Bereiche der Forschung mit der Zielbehauptung, "Armamputierten zu helfen", betreffen dürfte.

Wird letztlich ein echter Berufsalltag - etwa meiner - als Massstab verwendet, so wird resultieren, dass diese neuartigen, vom NCCR geförderten "Prothesen" eine grössere Behinderung darstellen als das Tragen gar keiner Armprothese (eh..., remember the title of this blog? was it you that navigated here? is it air we are breathing?).

Der Cybathlon entspricht damit eher einer Art weltfremdem Aufziehautowettbewerb. Das hat seinen eigenen Reiz - aber wer glaubt, hier würde für den Berufsalltag Behinderter etwas geleistet, belegt damit vor allem eine erstaunliche Bandbreite an fehlender Sachkenntnis.

Wie bremst man Träger brauchbarer Armprothesen aus?

Wie wird das erreicht, wie bremst man Träger konventioneller Prothesen oder Teilnehmer ohne solche aus?

Elegant!

Der Wettkampf ist ausschliesslich akademie-elitistisch definiert (lässt damit den Boden harter, echter, alltags-, behinderungs- und versicherungsrelevanter, arbeitsbezogener Realitäten hinter sich) und schliesst Armamputierte ohne umfassende Zusatzfinanzierung grundsätzlich praktisch gesehen aus: das Meldegeld beträgt alleine im Minimum schlappe 2000 Franken; Unterstützung durch 2 weitere Kollegen kostet 2 x 400 Franken extra.

Eine Versicherung für die Teilnehmer und insbesondere der Prothesen ist nicht geboten, wobei dies bemerkenswert ist, da Prothesenteilehersteller generell auch sportliche Aktivitäten nicht in ihre Garantieleistungen einschliessen.

Abgesehen davon sind Reparaturen der für sportliche Aktivitäten niemals vorgesehenen Hightech-Prothesen extrem teuer; eine defekte iLimb instandzustellen kann rasch 6000-12000 Franken kosten.

Wir gelangen damit zur Frage der Güterabwägung.

Gesetzt den Fall, ich würde 15 000 Franken für den schlimmsten Fall für diesen Anlass auf die Seite legen, was würde weiter passieren?

scroogebath

Armamputierte mit funktionierenden Prothesen - wie ich - sind meistens grosse Meister in Güterabwägung und Kommunikation.

Wieso?

Denn solche Prothesen hat man nur, wenn man zwingend vorher gut abgewogen hat, und geeignet kommuniziert hat. Man hat sich jahrelang gegen Versuch in Umwelt oder Prothesentechnik gewehrt, sich beschwichtigen zu lassen, wenn die Prothese andauernd kaputt geht oder zu wenig leistet. Ich würde daraus wetten, dass sich von den mir bekannten Top-Prothesenträgern dieses Planets am Cybathlon keiner gemeldet hat.

Das Cybathlon-Ergebnis - würde ich dennoch teilnehmen - wäre eine Teilnahme an einem Anlass, dessen Stellenwert für die Zukunft der Armprothetik und damit mich selbst technisch gesehen deswegen nahe Null ist, da relevante Tests (siehe oben/unten) für Armprothesen dort oder im weiteren Umkreis dieser Forscher weder stattfinden noch vorgesehen sind, und, da logischerweise aus diesen Tests keinerlei Verbesserung für den wirklichen Alltag zu erwarten ist.

Zudem gibt es keine aus dem Cybathlon heraus motivierte "Forschung" im Bereich Armprothetik, die aus diesen Vergleichswerten effektive Analysenergebnisse ziehen würde.

  • Es ist eine rein akademische Übung, die extrem teuer gemacht wurde, um die Teilnahme von Leuten mit effektiv funktionierenden Armen oder ohne Prothese zu verhindern.
  • Mit Behinderten, Rehabilitation, Entwicklung für echte Verbesserungen oder gar harten Einsatz hat diese Art Anlass sowohl aus der Zielvorgabe wie der Motivation heraus nicht auch nur das geringste zu tun.
  • Das ist insofern wichtig, einzusehen, als die Öffentlichkeit sich in der diesbezüglich sehr selbstverlogenen Augenwischerei geradezu übt. Da aber die Öffentlichkeit auch diejenige IV finanziert, welche dann die 80 000 Franken pro Stück teuren "bionischen" Arme bezahlt (ohne Reparaturen, Ersatzüberzüge, etc.; Betriebsviertelstunde ca. 1100 Franken), ist in einer Schweiz im Jahr 2016 absolut nebulös, was die sich alle dabei "denken". Weit jenseits des klar verständlichen eilt dem äusserst sonderbaren Verrennen der öffentlichen Meinung, angeführt durch cybathletische Rattenfänger, interessanterweise heute sogar die Medizinethik / Bioethik, sowie die Krankenkassen (link) hinterher.

Was das für Privatpersonen mit massiv überteuerten und von den Herstellern in keiner brauchbaren Weise gedeckten Prothesen heisst, ist klar - dieser "Wettkampf" ist akademisch-elitistisch und erhebt die Nase über Betroffene auf eine Weise, wie sie die Schweiz so sonst nicht ganz so kennt.

Die Keyplayer des Cybathlon bringen damit klar eine andere, aggressiv gesellschafts-klassenorientierte Kultur nach Zürch, die Behinderte ausschliesst, ausbremst und - noch schlimmer - so tut, als ob sie für sie etwas tue.

3dprintfinger

Der NCCR ist im Zugzwang

Dabei sind die Akteure - Forscher mit Anspruch, "bionische" Hände zu "erfinden" - natürlich schon etwas im Zugzwang: nachdem in der Schweiz erste Versuche des NCCR (National Center of Competence Robotics) im Bereich "Armprothetik" offenbar nicht so besonders erfolgreich waren (link), geht es nun darum, das Tote Pferd der Myoelektrik in der Robotikforschung anzuheizen und wieder etwas "zu reiten".

deadhorse2

Im Grunde ist dies eine Bankrotterklärung des Fachs "Forschung Armprothetik", aber, auch das will ausgestanden und durchlitten sein.

Denn es gibt bislang ausser Biertrinkerei und derlei anderem Unnötigem (Tätigkeiten, die man auch ganz ohne Prothese hinbringt) (link) keinerlei Echte Erfolgsgeschichten mit myoelektrischen Prothesen, vor allem auch deswegen, da bei der Technik seit Jahrzehnten die nötigen Verbesserungen verschlafen bzw. nicht geleistet werden. Da mit diesen Armen keine im versicherungs-, betroffenen- und anwendungstechnische Sinne bimanuell / schwer /repetitiv relevanten Anwendungsbereich nützlichen Verbesserungen angestrebt werden, bleiben umfassende die Probleme der Armprothetik weiter bestehen. Cybathlon testet zwar Knöpfe - aber das Zuknöpfen von Hemden stellt exakt nur bei einem einzigen Knopf ein echtes, schwer überwindbares Problem: wenn man mit der nicht dominanten Hand den allerobersten winzigen Knopf eines Hemds mit eher engem Kragen zu machen muss, kommt man manuell an den Anschlag; die anderen Knöpfe sind uninteressant. Hier wird weder getestet noch entwickelt. Cybathlon testet, ob man mit der Prothese eine Glühbirne in eine Lampe drehen kann; von allen Elektroinstallationsarbeiten, die man (ev. mit Prothese) erledigt, ist dies weder richtig noch relevant - Glühbirnen sind heikel, da das Glas vom Sockel gelöst sein kann und da man beim hinein- oder hinausdrehen auf geringste Vibrationen achten will, welches dieses anzeigen, womit die Glühbirne niemals mit der Prothese reingedreht wird. Vielmehr ist die Prothese dann von Bedeutung, wenn man etwa über steife Kupferkabel einen Isolationsschlauch ziehen will, oder wenn man Kabelverbindungen über Kopf montiert; hier allerdings ist ein extrem starker Spitzgriff (precision grip) vonnöten, wie ihn insbesondere ("nur") der Toughware PRX "Retro" Trautmann-Hook liefert; der hingegen ist in diesen Momenten echt Gold wert. Hart zupackende Montageprothesen werden aber ebenfalls weder getestet noch gebaut - denn dies wäre ja "echte Arbeit", die Anwendung ev. berufsspezifisch, und derlei wird bekanntlich dort gescheut.

Zur Schutzbehauptung "Armprothetik"

Die akademische Forschung, die unter der Schutzbehauptung der "Armprothesenforschung" den Forschungsstiftungen Geld aus der Schulter leiert, hat in den letzten 50 Jahren mehr oder weniger keine Ergebnisse geliefert, die den Alltag mit einer Armprothese auch nur im allerweitesten tangieren.

Die Materialwissenschaften stellen mit ihren Entwicklungen dabei sicher die bedeutendsten Verbesserungen dar, allen voran die Entwicklung hautverträglicher Liner, wobei deren wenigstens halbwegs bedeutsamen Vorteile vor allem bei gut gebauten Eigenkraftprothesen und bei Passivarmen zum Tragen kommen.

armhoops

Was ist denn der Status Quo?

Direktes und leider reales Ergebnis ist, dass heute das mit grossem Abstand beste an Armprothetik (nochmal - ... Sie haben sich hier wohin verirrt? Wie heisst der Titel dieses Blogs?) immer noch die bewährte und technisch in der Alltags- und Berufsanwendung extrem ausgereifte Prothese mit Becker Hand oder Hook und Kabelzug ist: sie ist billiger, bequemer, haltbarer, funktioneller und brauchbarer als alles, was alle Gadgetfreunde bisher zusammenbastelten.

Wer mit Armprothese zur Sache gehen will, wirklich zur Sache, der trägt nur sowas - wer also umgekehrt was "bionisches" trägt, sagt damit automatisch mehr darüber, was er alles nicht tut, als ihm lieb ist. Das nachfolgende Bild zeigt die Funktion einer mechanischen adaptiven Greifhand (Kosten 350 USD, Becker Mechanical Hands, Video ca. 2009, damals die erste öffentlich bekannt gewordene "Red Hand").

Besser, schneller, günstiger, robuster und leichter wird eine Hightechhand nie.

beckerspeed

Dies hat insgesamt zur Folge, dass auch heute noch eine gut gebaute Eigenkraftprothese (link) im Sinne einer Wiederbefähigung zu eher schwerer bimanueller Tätigkeit den "modernen" und "bionischen" Prothesen gerade mal um Lichtjahre voraus ist.

Lichtjahre, Jungs, Lichtjahre.

Wie entwickeln sich myoelektrische Prothesen weiter? Armamputierte werden zu gesellschaftlichen Puppenrollen gedrängt.

"Moderne" myoelektrische Armprothesen erreichen derartige praktische manuell manipulativ-greiferisch-aktive Ziele nicht nur wenig, sondern praktisch durchwegs überhaupt nicht, und beschädigen bereits bei allergeringster Tätigkeit den Stumpf so stark (link), dass man damit im Grunde den ganzen Tag nur herum sitzen kann.

Man wird durch das Tragen einer sog. "Bionikhand" de-facto zur Existenz als "Puppe" verdammt, zwingt man sich zum Tragen der einschränkenden myoelektrischen Technologie.

kenbarbie

Die "modernen" Entwicklungen deuten in der Tat darauf hin, dass die Gesellschaft Arm-amputierte eher in der Rolle passiv dasitzender Puppen sieht (link) als in der Rolle aktiv agierender selbständig zweihändige Tätigkeiten ausführender selbstbestimmter Individuen.

Das darf durchaus Grund dafür sein, alarmiert zu reagieren.

screamings

Etikettenschwindel in der "Armprothesen"-Forschung

Persönlich finde ich dies insofern stossend, als Forschungsunterstützung unter der Schutzbehauptung "Handprothesen" oder "Armprothesen" aus Kunden- oder Betroffenensicht weitgehendst Etikettenschwindel war und wohl weiterhin auch ist.

Mir als Betroffenem (und Beitragsleistendem) entgehen damit direkt signifikante Verbesserungen, und es ist die direkte Konsequenz des umfassenden  Nichtgenügens der Forschenden auf dem Bereich der Armprothetik, dass ich als Behinderter selbst die eigenen Hilfsmittel weiterentwickeln und verbessern muss.

Langsam:

  • Es ist 2016. Seit Jahrzehnten bezahlen wir Beiträge an Forschung, die sich auf die Fahne schreibt, aus Armamputierten "Menschen mit Teilhabe an der Gesellschaft zu machen". Dies leistet diese Forschung, äh, nicht.
  • Armamputierte wie ich verschwinden aber nicht einfach damit von der Welt. Das wäre ja auch nochmal schöner. Das hätten die Forscher ganz gerne, ist aber nicht so.
  • Schlimmer noch: wir bauen unseren eigenen Krempel, selbstfinanziert und mit eigenem Hirnschmalz, und fahren damit dann (z.B.) aufs Stilfser Joch (link), oder schneiden bei 37 Grad C stundenlang im Garten Heckengewächse (link). Und noch viel ärger: wir weisen explizit und lautstark darauf hin.
  • Die von mir geleistete extrem anwendungstauglichen Ergebnisse sind, meine ich, Armprothesenforschung und -entwicklung, die das Label verdient. High Five.

Ich bin damit der erklärten Ansicht, dass akademischen Forschern ihre "bionisch" ausgerichtete unbrauchbare Bastelei und Herumschreiberei (link) mit einer eigenen Kategorie versehen werden muss, damit hier Klarheit herrscht.

frankieboy

Der Mangel an durch derlei "Forschung" erreichten, effektiv brauchbaren Ergebnissen schlägt sich dementsprechend natürlich, was wunder, im Alltag und der Behindertenrealität direkt nieder, was er bereits auch die letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte tat: heutzutage ist der Hook mit riesigem Abstand im Highperformancebereich absolut ungeschlagen.

Gleichzeitig wird durch das permanente Überfluten der Medien mit Heilsbotschaften der Eindruck vermittelt, "nur" Personen mit diesen neuartigen "bionischen" Händen seien (wertvolle?) Mitmenschen.

Das macht die Sache nicht einfacher. Da sucht jemand sogar Streit.

In anderen Worten arbeiten Forschende hart daran, uns sogar den Alltag zu erschweren:

 

armamputeeinterview

Was ist bisher passiert?

Problematik

Mit Armamputation...:

  • ...sieht man behindert aus; dies hat auf Umstehende und Mitmenschen einschlägige bekannte Effekte (link), die sich durch das Tragen einer Prothese nur bedingt ändern lassen (z.B. link); dabei kommt dem Aussehen der Prothese in Bezug auf Farbe und Gestaltung eine grössere Bedeutung zu als bezüglich Funktion (link). Hierbei - insbesondere bei der Aussehensdynamik - leistet die Forschung nichts. Umgekeht leistet die Forschung auch nichts, um die öffentliche negative Wahrnehmung von Leuten mit sichtbarer Entstellung / Behinderung zu verbessern.
  • ...ist man je nach spezifischen Umständen und der Situation mehr oder weniger praktisch behindert (link); mit einem betroffenen Arm und recht langem Stumpf am Unterarm ist das effektive Handicap im Alltag eher gering, wobei aber Asymmetrie und Ueberlastung (link) (link)(link) Hautprobleme darstellen. Die Forschung leistet hier nichts, die nötigen Erfindungen und Implementierungen haben wir für meine Armprothese daher selbst geleistet.
  • ... werden einem heutzutage "bionische Arme" angedreht, wobei Gesellschaft (Medien - link), Prothesenbauer (link, link, link) weniger aber die Versicherungen durchaus Druck machen dabei, dieses Zeugs auch zu kaufen, wobei aber die Erwartung des Tragens einer "einen wieder zum ganzen Mensch machenden "bionischen" Prothese" (so die Verheissung und das Heilsversprechen) an sich Unmenschlich ist (Voight-Kampff-Test, link) und den Urheber der Erwartungshaltung zum Unmenschen macht.
  • ... lehnen Versicherungen aber dennoch wirklich funktionelle, sehr kostengünstige und extrem nachhaltige Verbesserungen am Armstumpf ab (link), bevorzugen dennoch die teuren, nicht nachhaltigen und funktionell minderwertigeren Varianten, verfehlen selbst also damit ebenfalls den Voight-Kampff-Test (link).
  • ... kann man aber auch ohne das Dazutun vermeintlich namhafter Gremien eine recht taugliche Bewertung verschiedener Prothesentypen erreichen (link) und daraus heraus gemeinsam mit der Orthopädietechnik, mit etwas Nachdruck und Nachhilfe (etwa, indem man selbst ein Handgelenk baut, das dann auch etwas aushält) auch mit modernen Werkstoffen wirklich brauchbare Armprothesen erreichen, die einem wirklich im Alltag helfen (bimanuelle Tätigkeiten: link).
  • ...ist die Gesamtsituation bedeutend komplexer, als dass sie durch das Anfertigen teurer unbrauchbarer oder günstiger brauchbarer Prothesen umfassend begriffen oder gelöst wäre (link)

 Technologie

  • Es gibt Eigenkraftprothetik, und, myoelektrische Armprothesen.
  • Die Eigenkraftprothetik steuert das Greifwerkzeug, das ein Hook oder auch eine Hand sein kann, mit einem Kabelzug von der anderen Schulterseite her (link). Bei den Hooks gibt es verschiedene Varianten; besonders zu erwähnen der V2P (link) oder etwa der Retro (link).
  • Myoelektrische Prothesen werden seit den 50er Jahren gleichbleibend mit 2 auf der Haut liegenden Elektroden gesteuert, benötigen somit Batterien und Elektromotor; seit den 50er Jahren werden myoelektrische Prothesen grundsätzlich unverändert gebaut. Ihr Design entstammt von den damals im kalten Krieg den Westmächten etwas antagonistisch gegenüberstehenden Russen (link). Daher hat der "Westen" mit myoelektrischen Prothesen immer noch ein Trauma: diese Technologie musste mit eingezogenem Schwanz eingeführt werden, damit man auch gegenüber den Russen nicht so blöd dastand. Bis heute sind diese Prothesenschäfte unbequem und schränken die Beweglichkeit ein - sie haben bei myoelektrischen Prothesen die Aufgabe, die Elektroden an der stets selben Stelle auf der Haut des Stumpfs zu halten. Bis heute ist Elektrodenplatzierung und Hautkontakt bei grosser Aktivität aber ein ungelöstes Problem, Schweiss und Kälte, trockene Haut und anderes reduzieren oder verunmöglichen die Funktion. Bis heute sind diese myoelektrischen Prothesen mit schlechter Gewichtsverteilung ausgestattet (link). Bis heute sind sie technologie-inhärent langsam, langsamer als der Griff von "Stumpf gegen Bein / Bauch" und langsamer als Eigenkraftprothesen (link). Bis heute beschädigen myoelektrische Prothesen den Stumpf je nach Aktivität recht umfassend (link), was in der technischen Bedingung gründet, Elektroden an fixen Stellen auf der Haut zu montieren. Erst seit einigen Jahren hat die Industrie begonnen, Prothesenhänden mit etwas Steuerlogik "eigene  Fingerbewegungen" zu geben, was bei recht billiger Machart aber liebevoll bedeutsamen Produktebezeichnungen ("iLimb Ultra Revolution", "BeBionic", "Michelangelohand") und Marketing doch die Preise massiv hochtrieb (bis 90 000 Franken für eine Michelangelohand), wodurch man bei gleichbleibend schlechter Schaft- und Elektrodenfunktion diese als "bionisch" zu bezeichnen begann (link). Zwar wird mittlerweile "Osseointegration" angeboten; dort wird die Prothese an einem Bolzen befestigt, der im Knochen des Stumpfs befestigt wurde, und der durch eine chronische Hautwunde herausragt. Infektionen, Frakturen bei Ueberbelastung und Temperaturempfindlichkeit sind typische Probleme.
  • Armprothetik treibt seit Jahrzehnten immer etwa dieselben Leute um, und ist daher in denselbem Macht-, Entscheidungs- und Finanzierungszirkeln gefangen (link, link). So lange heilsversprechende Forscher von den Medien hochgejubelt werden, so lange Behinderte nicht ernst genommen werden, so lange Prothesentechniker Behinderten verlässliche Produkte- und Komponeneteninformation nur tropfenweise zukommen lassen, solange Geld fliesst wie es fliesst, solange Hersteller marktbedingt in Schieflage operieren, so lange wird sich an der Gesamtdynamik nichts, nichts, nichts ändern. Neben den stets die Oeffentlichkeit in Bann ziehenden, Unsummen kostenden Kasperli- und Vorzeigewunderpatentärmli (bereits nach dem 1. Weltkrieg war dies der Carnes Arm, dessen soziale, akademische wie auch prothesentechnische Dynamik zwar dem Reiten des Toten Pferdes entsprach - link; ein modernes Korrelat fand sich in einer Zurschaustellung der Otto Bock Michelangelohand - link) hatten es die eigentlich brauchbaren, zuverlässigen Modelle im Ringen um mediale Anerkennung schon bedeutend schwerer. Immer wieder verdienten Orthopädietechniker an den Armprothesen mit, was im Grunde auch richtig ist; werden für die verkauften Komponenten (Hardware) alleine etwa 30% Marge draufgeschlagen, so liegt auf der Hand (haha, Wortwitz), weswegen es sich für die Orthopädietechnik lohnt, statt einer Eigenkraftprothese (Hardware etwa 4000 Franken) eine viel teurere myoelektrische Prothese (Hardware bis 90 000 Fr.) zu empfehlen, vorzuschlagen, hochzureden und zu bauen. Da Armamputierte, die sich überhaupt eine Armprothese bauen lassen, pro Einzugsgebiet und Orthopädietechnikanbieter ohnehin grossen Seltenheitswert haben, ist es preislich durchaus relevant, "moderne" Technologie anzupreisen und zu verkaufen, so dass mit den Herstellern der "Kasperli-Arme" Schicksalsgemeinschaften eingegangen werden. Damit will ich Kasperli-Armen nicht ihre zutiefst liebenswerte und sympathische Schrulligkeit absprechen - aber bei allem was recht ist: was beim Autowaschen nach Minuten teuer kaputt geht (link) und nicht mal zum Kuchenbacken taugt (link), oder etwa zum Annähen bei einer kaputten Sporttasche (link), stellt den Gebrauchswert doch arg in Frage. Mit einer den Ellbogen schmerzhaft einschränkenden, den Stumpf bei zu arger Bewegung aufschürfender und wenig funktioneller Bauart ist aber auch der Kunde ruhiggestellt, da so eine "moderne" "bionische" Prothese nicht zu allzu viel mehr als Herumsitzen und Bierflasche schwenken taugt (siehe etwa link); er wird also nicht allzu häufig beim Techniker mit für diesen lästigen Reparaturwünschen aufschlagen. Damit ist nichts gegen das Trinken eines Biers mit einer teuren "bionischen" Prothese einzuwenden - aber das ist keine Lösung für das, was Armprothesen können sollen.
    bebionic2
  • Der Träger einer zunächst standardmässig angefertigten Eigenkraftprothese hingegen wird aufgrund der tatsächlich erweiterten bimanuellen Fähigkeit auch Holz hacken, schwere Dinge tragen und stossen, er wird so hart zupacken, das Schaft, Handgelenk und Kabelzug eventuell auch dann andauernd und immer wieder beschädigt werden und kaputt gehen, und dadurch häufigere Reparaturen benötigen, die den Prothesentechniker zwar beschäftigen, aber die billig und kostengünstig sind und ihn daher finanziell nicht befriedigen. Gut gebaute Eigenkraftprothesen halten unter Vollbelastung auch ihre 6-9 Monate, und das macht bedeutend mehr Spass -  aber das grenzt an geschäftsschädigende Beratung, der Orthopädietechniker verdient an so etwas vergleichsweise viel zu wenig. Dann gäbe es noch die Krukenbergoperation - aber Krankenkassen und Bioethiker lehnen etwa die Krukenbergoperation alle mit fadenscheinigen Behauptungen ab (link). Die Gesellschaft tut sich unter dem Strich, de facto, und so sehr sie sich nun bei dieser Feststellung winden mag, somit insgesamt mit dem Bild von Behinderten, die selbstbestimmt und kostengünstig im oberen Bereich aktiv sind, im Grunde schwer.
    KRUKENBERG
    Wäre das anders, hätte die Gesellschaft verfügbare und abrufbare Mechanismen, welche diese Art Befähigung effizient aufgleisen - hat sie aber nicht; derartiges ist bei Armamputierten nirgends erkennbar. Lieber sind der Gesellschaft offenbar Armamputierte, deren stillsitzende Körperumrisse vervollständigt sind, oder, die vor allem aber artig mit der Prothese ein Tablett tragen und Wäscheklammern mit der Prothese betätigen können (ein Tablett wie etwa in Selbstbedienungsrestaurants trage ich mit oder ohne Prothese gleich gut, Wäscheklammern brauche ich selten, und wenn dann werden sie mit der linken Hand angeklemmt).
    drno

State of the art

Eigenkraftprothetik mit einem Hook (link) oder Beckerhand mit adaptivem Griff (link) und sehr umfassenden materialtechnischen Möglichkeiten ist bis heute mit sehr grossem Abstand ungeschlagen in der Ausstattung für Echte Arbeit (TM).

Im Gegensatz zu den oft kaum wahren Behauptungen der akademischen Forscher, denen der Behindertenalltag eh egal ist, habe ich mit dieser Art Prothese auch keine besonderen Hautausschläge oder Hautprobleme (gewusst wie - link), und auch das bisschen an sensorischem Feedback, was bei der reduzierten Aufnahmekapazität am Stumpf Sinn macht (link), habe ich aufgrund der recht harten Stumpfbettung im Carbonschaft und dem wackelfreien Handgelenk (link) in genügendem Ausmass, so dass keinerlei Bedarf besteht, dass Forscher hier weitere Tonnagen an Totgewicht auf den Arm packen (link).

weight

So sind etwa meine eigenen Vorzeigetätigkeiten (Hecke bei 37 Grad schneiden link, Stilfserjoch biken link, IKEA Pax System aufbauen mit ca. 540 kg Teilegewicht link, Becker Hand Performance link, et cetera link) bis heute von Gadgetträgern - also Leuten mit Michelangelohand, iLimb oder Bebionic, oder gar mit experimentellem Prothesenarm - absolut, und mit Abstand in Umfang und Belastungsgrad, sowohl was Gewicht oder Zug angeht, wie was Temperaturumfang angeht, unerreicht.

coolbananas

Es gibt gerade daher heute auch eine eigentliche Hook-Hasser-Gemeinschaft - Hooks werden aktiv ausgebremst und lächerlich gemacht (link).

Dies stellt im Grunde eine öffentliche, auch mediengestützte Hetze dar, die dazu führt, dass zuverlässige und bequeme Prothesen nicht mehr getragen werden (link) und die Betroffenen vermehrt an Folgen von Asymmetrie und Ueberlastung leiden.

Die Organisatoren des Cybathlon sind damit ebenfalls keineswegs den Befürwortern günstiger und funktioneller Armprothesen zuzurechnen, wodurch unklar wird, inwiefern sie sich der künftigen State-of-the-art zurechnen können werden: denn es wird ja offenbar Echte Arbeit(TM) gescheut.

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Zukunft

  • Myoelektrische Prothesen folgen seit Jahren einem Teufelskreis in der Entwicklung (link). Ein Ende ist nicht absehbar, da die Voraussetzungen seit Jahrzehnten schicksalshafte gesellschaftlich implementierte Mechanismen sind. Der Symbolismus steht gerade hier dem Pragmatismus aus der Sache heraus diametral gegenüber (link) - aber aufgepasst, dies ist harte Materie, die der zeitgenössische Lehnstuhlamateurphilosoph nicht einfach auf die Reihe bekommt. Wer dies allerdings verstanden hat, wird eine "bionische" Prothese als das tragen, was sie ist: als reines Symbol, und nicht, um damit auch nur irgendetwas wirklich anzufassen. Der Lastwagenfahrer wird nicht wirklich Schneeketten montieren, den Schneepflug vorne anhängen, die Pakete alle wirklich ausladen, oder mit einer Kette einen die Strasse versperrenden Baumstamm aus dem Weg räumen, wie das in der Schweiz Lastwagenfahrer immer mal wieder als Teil ihrer Arbeit tun; der Hobbykletterer wird nicht wirklich mit der Prothese sein Gewicht halten können, der Fahrradfahrer mit der Michelangelohand leistet keine echten grossen oder schweren Radtouren, sondern täuscht nur an. Exakt so also, wie der wahre Besitzer eines Porsche diesen als Reinkultursymbol mit geschätzten 30km/h vorsichtig durch den Ort fahren dürfte, das Stofftaschentuch nicht zum Vollrotzen sondern zur Symbolik des Gentleman einer in Verlegenheit geratenen Dame ("hat jemand ein, hatschi") reichen wird (und dazu muss es ganz sauber sein und frisch riechen). Die akademische Forschung zur Schutzbehauptung "Armprothese" wird dabei aber zunehmend als Farce entlarvt. Sie verpasste bisher sowohl den Anspruch, brauchbare Prothesen (SHAP, link) oder auch wenigstens gut aussehende Prothesen (Appearance Test, link) zu bauen, weiters sind echte bimanuelle Tätigkeiten nicht auf dem Plan (Real Bimanual Activities RBM, link). Dabei verpasst sie es ebenso, Testverfahren für eins der beiden genannten Ziele, oder beide, zu implementieren, was damit direkt zusammenhängt. Wer nun den Symbolik-versus-Pragmatismus-Dualismus nicht begriffen hat, begreift nicht, was hier für ein Spiel gespielt wird: beim Cybathlon wird der reinen und anwendungsfreien Forschung mit Lebenslüge "Armprothetik" zwecks Geldbeschaffung hier gerade mal so wenig Pragmatismus angeflanscht, als zur Weiterführung dieses anwendungsfreien Unsinns gesellschaftlich für nötig angesehen wird. Nicht weniger, aber ganz sicher nicht mehr, ist es, um was es hier wirklich geht. Portionierter Pragmatismus als Label für den Symboliker - keine Entwicklung wirklich brauchbarer Prothesen ist es, um was es geht.
    puritywaterarm
  • Forscher, die es sich auf die Fahne schreiben, Armamputierten "ihr Leben zurückzugeben", haben offenbar ein Menschenbild, dass solche Menschen ohne von den Forschern bereitgestellte Armprothesen ein lebensunwertes Leben führen, oder (noch) nicht richtige Menschen sind  - daher ja, logischerweise, die selbst erkannte Notwendigkeit in die selbst als wichtig und bedeutsam erkannte Forschung. Dies führt, ebenso logischerweise, zur Herabschätzung der Personen mit diesem Handicap als "weniger als Mensch", die ja, offenbar, ein lebensunwertes oder reduziert menschliches Leben führen. Dies äussert sich, logischerweise, mitunter in den von ihnen gewählten Techniken und Vorgehensweisen. Es mag löbliche Ausnahmen geben, die aber nur das sind. Daher ist es aus Behindertensicht relevant, gerade auch auf Forschende den Voight-Kampff-Test (link) anzuwenden um zu sehen, ob es sich bei diesen selbst um menschliche Menschen im empathischen Sinne handelt oder nicht. Mit dem Rückgriff auf das akademische Herrenleben auf Kosten von Entwicklungsgeldern, die der effektiven Armprothesenentwicklung verloren gehen, ist es an zur Schau gestellter Empathie dagegen nicht getan.
    voightkampfftest
  • Zunehmend wollen Armamputierte selbst wieder in echten bimanuellen Tätigkeiten hart zur Sache gehen. Dann müssen sie was brauchbares dazu haben (to see some actual evaluation scores: link).

Wie wäre der Cybathlon, wäre er denn relevant?

Ein True Cybathlon wird daher (1) berufsgruppenspezifische Bereiche aufweisen, Waldarbeiter, Maurer, Dekorateure, Coiffeure, auch Rechtsmediziner, etc. und auf echt bimanuelle berufsdefinierende harte / repetitive Tätigkeiten achten; allenfalls kommen sport-spezifische Tätigkeiten dazu, wie Klettern, Fahrradfahren, Krafttraining, etc.  - (2) alle Arten von Herangehensweisen coachen, testen und bewerten lassen, unter anderem ohne Prothese, mit Eigenkraftprothesen oder auch elektrischen Modellen (3) quantitative und qualitative Bewertungen erlauben und motivieren, (4) mehrere Durchläufe mit verschiedenen Varianten erlauben. Orthopädietechnisch, ergotherapeutisch sowie versicherungstechnisch wäre diese Art Vorgehen der absolute Traum. Ich habe mich ausgiebig erkundigt.

Dies wurde den Organisatoren des Cybathlon auch im Vorfeld umfassend so mitgeteilt. Dazu kam es bis heute nicht, obschon die von mir formulierte Wahrnehmung eines Cybathlon auch dem wahren Anforderungsprofil der einen oder anderen Versicherung, Versicherungsbegutachter oder Orthopädietechnikern entspräche, wie ich herausfand.

Die eigentlichen Player der Szene wissen das alles. Aber, wissen das wirklich alle auch bewusst? Alle alle? Denn gerade in der Szene der Prothetik wird oft auch mehr geschwiegen als geredet.

ceastwood

Ich kann als Behinderter sagen, was ich will.

Man wird weder ernst genommen, noch wird man verstanden. Man lebt schlicht in einer völlig anderen Realität als diese Forschung, im Grunde ist man auf einem anderen Planeten.

Offenbar müsste ich erst eine myoelektrische "bionische" Prothese anziehen, um dort, auf dem Planet "Forschung", als "ganzer" Mensch wahrgenommen zu werden ; ) aber, wer so denkt, wird Behinderte mit oder ohne Prothese am kaputten Arm gleichermassen herabwerten.

Bei derartigen Begegnungen ist von Beginn weg Hopfen und Malz verloren.

blockswalkingbrevecreatures

Fazit

Auf dem Planet "Forschung" kämpft also nunmehr die frühere Herrenklasse um ihr Überleben in der Symbolik, um das gesellschaftlich bislang gewohnte Anrecht, auf Kosten Behinderter - die für ihre echte harten Anwendungen weiterhin (wir schreiben das Jahr 2015) nichts anderes als Hooks kriegen - mit hingebungsvoll anmutenden Schlagworten ("Armprothetik") für nachhaltig nutzlose symbolträchtige Entwicklungen Forschungsgeld wegzurauchen.

blockswalkingbrevecreatures

So steht diese Art "Arbeit" etwa dort, wo die NASA mit ihrem Mondlandeprogramm - ebenfalls symbolträchtig aber noch nutzloser - vor einiger Zeit stand. Man kann solche Dinge versuchshalber machen, aber für eine nachhaltige Gesellschaft ist dies nichts.

drivingaroundonmoon

Challenges / Ausblick

  • Armprothesen bezüglich Funktion testen. Indem jede Prothese für einen spezifischen Zweck, meist Beruf, und für ein Individuum, gebaut wird, macht es insbesondere Sinn, hier im Anwendungsbereich der bimanuellen oder anderweitig nicht einhändig absolvierbaren Tätigkeiten Testverfahren zu verwenden; das beste sind hier Anwendungstests, berufs-/tätigkeitsspezifische Tests. Die Vergleichbarkeit ist vor allem innerhalb des Längsverlaufs einer Person anzustreben, indem eine Prothese ja für eine bestimmte Person eine Verbesserung bringen soll. Die Frage ist damit nicht, wer sich wie die Schuhe bindet - das ist uninteressant, auf diesen Zweck werden (ausser für Schuhverkäufer) keine Armprothesen gebaut. Zudem spielt die Uebung, das Training, die Exposition, eine riesige Rolle. Testverfahren müssen dies zwingend berücksichtigen.
  • Armprothesen bezüglich Aussehen testen. Der Appearance Test beschreibt einen Ablauf, entlang dessen eine Armprothese möglichst lange unerkannt bleiben muss. Die Herausforderung für Industrie und Forschung ist, einzugestehen, dass sie derzeit - und mit ihren derzeitigen "Forschungsideen" Lichtjahre von einer befriedigenden Erscheinung weg sind. Dabei ist das Aussehen geradezu massgeblich für das Tragen einer Armprothese wenn es gerade einmal nicht exklusiv um Funktion geht. Schnell gehen hier 10-20 Jahre vorbei und es hat immer noch keiner begriffen - denn es ist jetzt bereits 2016, und kapiert hat es ja bis heute keiner.
  • Begriffsklärung anstreben. Wir wollen künftig Prothesenforschung begrifflich auf anwendbare Systeme im Denkbereich der tragbaren ("wearable") und verwendbaren sowie auch bedarfsgerechten Versorgung sehen. Wir wollen künftig robotik-/intelligence-bezogene Spielwiesen als etwas anderes deklariert sehen. Es ist vollkommen in Ordnung, sich mit den irrsten abgefahrensten und seltsamsten Forschungsideen abzugeben - aber wir nennen es erst dann "Rehabilitation", wenn auch die Papers dazu verstanden wurden. Das ist derzeit noch ein grosses Problem.

Je nach Testergebnis wird sich zeigen, wo weiterer Entwicklungsbedarf besteht. Prothesen könnten helfen beim Münzen zählen; Scheren halten und damit schneiden; Banknoten oder Papierstapel verlässlich handhaben; die Liste spezifischer Anwendungen wäre lang. Da aber die Versicherungen meist etwa abwägen, wieviel eine Prothese im Vergleich zu einer Umschulung kostet, und, was eine Prothese wirklich bringt, wären hier konkrete Anwendungen bedeutsam. Der Alltag mit Armprothese wird damit heutzutage von euphemisierender "Bionik"-Hand-Werbung nur "angetäuscht" - so "kann" das i-Limb "staubsaugen" (habe ich ausprobiert; nach 5 Minuten hört aufgrund Schweissbildung die myoelektrische Steuerung zu funktionieren auf), es "kann" Autowäsche (habe ich ausprobiert; nach ca. 10 Minuten ist der Handschuhüberzug mehrfach zerrissen). So kommt diesen "Tatbeweisen" zur "Alltagstauglichkeit " ausschliesslicher Symbolcharakter zu, aber die eigentliche Arbeit ist damit nicht geleistet. Wirklich brauchbar sind aber Armprothesen, die monatelang servicefrei laufen und funktionieren. Eine "robustere" (haltbarere) Prothesenhand hat sich die Robotik aber auch noch nicht ausgedacht. Wir haben das Jahr 2016, und mit grossem Abstand das funktionellste für meinen Arbeitsalltag ist der Eigenkraft-Prothesenarm mit dem Hook. That's where it's at.

2 Replies to “Was bringt der Cybathlon 2016? (kurze Uebersicht)”

  1. Fortschritt ist nicht dasselbe wie verirrter Aktivismus. Das, und nicht dass man einen Loetkolben in die Hand nehmen kann, ist hier sicher die wesentliche Einsicht. Das zu erkennen kann allerdings schwierig sein. Oder wie bei Ihnen, allenfalls unmöglich.

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